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Gustav Lahmeyer, 1933 bis 1945

Im Mai 1939 saß Oberbürgermeister Gustav Lahmeyer (7.7.1889 bis 20.4.1968) an seinem Schreibtisch im Rathaus und schrieb folgenden Vermerk: "Der Herr Gauleiter hat angeordnet, den (Aschrott-)Brunnen noch vor dem Reichskriegertag zu entfernen".

Gustav Lahmeyer

Stadtoberhaupt in der NS-Zeit: Gustaf Lahmeyer

Diese mit blauer Tinte geschriebenen Zeilen sind in einer schmalen Akte über Demolierung und Abbruch des Aschrottbrunnens zu finden, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat und jetzt im Stadtarchiv Kassel verwahrt wird. Die Notiz ist ein deutliches Beispiel dafür, wer in dieser Zeit das Sagen hatte: Der Gauleiter, also der Chef der Nazi-Partei im Bereich des ehemaligen Kurhessen, hatte entscheidenden Einfluss darauf, was zu geschehen hatte, im und um das Rathaus der Stadt.

Der Abbruch des Obelisken erfolgte prompt, die verbliebene Brunnenschale wurde mit Blumen bepflanzt. Nur wenigen der 200.000 ehemaligen Soldaten und Wehrmachtsangehörigen, die im Juni 1939 zu dem großen militärischen Spektakel "Großdeutscher Reichskriegertag" nach Kassel kamen, dürfte diese Veränderung aufgefallen sein. 

Allerdings war dies nicht die erste Meinungsverschiedenheit zwischen dem Oberbürgermeister und dem NS-Gauleiter. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 suchte Lahmeyer wohl weiteren Differenzen aus dem Wege zu gehen, indem er sich als ehemaliger Leutnant der Reserve – mittlerweile 50 Jahre alt – zum Kriegsdienst meldete. Etwa drei Jahre nahm er an den Feldzügen in Frankreich, Russland, Rumänien und zuletzt als Kommandeur einer Artillerie-Einheit an den Kämpfen im Kaukasus teil. Im Oktober 1943 schwer erkrankt, wurde er zur Behandlung in die Heimat verlegt. Nach seiner Genesung übernahm er wieder die Amtsgeschäfte, zumal der bisherige Gauleiter Weinrich nicht mehr auf seinem Posten war. Dieser war bei der Nazi-Spitze in Berlin in Ungnade gefallen und "amtsenthoben" worden, da er bei der Organisierung der Hilfsmaßnahmen nach der verheerenden Zerstörung Kassels am 22. Oktober 1943 kläglich versagt hatte.

Mit seiner Verhaftung am 6. April 1945 durch die in Kassel einmarschierenden US-Truppen fand die Tätigkeit Oberbürgermeister Lahmeyers in der Stadtverwaltung ein nicht unerwartetes Ende. Nahezu 20 Jahre vorher, am 13. Juli 1925, hatten die Kasseler Stadtverordneten beschlossen, den Verwaltungsjuristen Lahmeyer in den Magistrat zu wählen. Seit 1. Januar 1926 hatte er als Stadtrat und ab 1. Oktober 1926 als Bürgermeister in der Stadtverwaltung in leitender Funktion mitgewirkt.

Als Anfang 1933 die Nationalsozialisten in Berlin die Macht übernommen hatten, gab es auch bei den Kasseler Parteigenossen kein Halten. Ihr Hass richtete sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen die demokratisch geführte Stadtverwaltung. Es kam zu einem der schwärzesten Tage für das Kasseler Rathaus. Am 24. März 1933 besetzte die SA, die halbmilitärische Untergliederung der NSDAP, die Eingänge des Rathauses. Eine Gruppe drang in das Rathaus ein und zwang Oberbürgermeister Herbert Stadler zum Rücktritt. Den Nazis missliebige Beamte und Stadtverordnete wurden aus ihren Amtsräumen geholt. Einige von ihnen, darunter der Wohlfahrtsdezernent Dr. Haarmann und der SPD-Stadtverordnete Wittrock, wurden mit Brachialgewalt abgeführt und in den nahegelegenen Kellerräumen der Gaststätte "Bürgersäle" misshandelt.

Lahmeyer geschah nichts. Zunächst wurde er vom Regierungspräsidenten mit der Fortführung der Dienstgeschäfte des Oberbürgermeisters beauftragt. Zwei Monate später, am 26. April, erfolgte seine Wahl zum Oberbürgermeister durch eine stark dezimierte Stadtverordnetenversammlung, denn die meisten der demokratischen Stadtverordneten nahmen nicht mehr an der Sitzung teil. Lahmeyers Wahl fand bei den Nazis nicht ungeteilte Zustimmung, denn er hatte "erst" im Februar 1933 seine Aufnahme in die NSDAP beantragt.

In Zeiten militärischen Pomps blieb auch dem Vertreter einer Zivilbehörde kaum etwas anderes übrig, als bei offiziellen Veranstaltungen in Uniform zu erscheinen. Auf der Uniform trug der OB dann die goldene Amtskette. Privat lehnte Lahmeyer Pomp und große Feierlichkeiten ab. Seinen 50. Geburtstag am 7. Juli 1939 feierte er nicht offiziell. Zu diesem Zeitpunkt war er, so formulierte es eine Kasseler Tageszeitung, "irgendwo in deutschen Landen auf beschaulicher Wanderfahrt". Seine Freude am Wandern hatte ihn schon vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Hessisch-Waldeckischen Gebirgsverein in Verbindung gebracht. 1927 übernahm er dessen Vorsitz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte Gustaf Lahmeyer nach Detmold über, wo er sich ab 1949 als Mitarbeiter im Hauptverband des Deutschen Jugendherbergswerks betätigte. Seit 1954 gehörte Lahmeyer für die CDU (in der Weimarer Zeit war er Mitglied der DVP) sechs Jahre lang dem Rat der Stadt Detmold an und war Vorsitzender des Aufsichtsrats der Lippischen Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft.

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