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Erich Friedrich Ludwig Koch-Weser, 1913 bis 1919

Im Frühsommer 1999 meldete die Süddeutsche Zeitung, dass der neue Bundesfinanzminister, Kassel Ex-OB Hans Eichel, einen hochkarätigen Finanzexperten als Staatssekretär gewinnen konnte: Es handelte sich um einen Nachfahren des früheren Oberbürgermeisters Erich Koch-Weser (26.2.1875 bis 19.10.1944).

Zuletzt Kaffeefarmer im brasilianischen Urwald

Es handelte sich um das Mitglied des Vorstands der Weltbank in Washington, Caio Koch-Weser, geboren 1944 in Rolandia in Brasilien.

Die Zeitung vergaß nicht, auf dessen Großvater Erich Koch-Weser hinzuweisen, der zu den bedeutendsten liberalen Politikern der Weimarer Republik gehörte. Mit Umsicht und Geschick hatte dieser 1919 bis 1921 das Reichsministerium des Innern geleitet. Als Reichsjustizminister (1928/29) setzte er sich unter anderem für die rechtliche Gleichstellung der Frau, für eine Reform des Ehescheidungsrechts und für die Abschaffung der Todesstrafe ein.

Es sollte nicht lange dauern, bis der kämpferische und überzeugte Demokrat Erich Koch-Weser die Folgen der Machtübernahme Hitlers persönlich zu spüren bekam. Als im Januar 1933 sein Buch "... und dennoch aufwärts!" erschien, wurde es kurz darauf verboten. Die jüdische Abstammung seiner Mutter war neben dem politischen Wirken ein weiterer Grund, ihm die Zulassung als Rechtsanwalt und Notar zu entziehen.

Im Herbst des Jahres 1933 sah er sich deshalb gezwungen, mit seiner Familie nach Brasilien auszuwandern. Er ließ sich in einer von deutschstämmigen Familien bewohnten Siedlung im Urwald nieder und legte hier eine Kaffeefarm an, die er bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1944 bewirtschaftete.

Erich Koch-Weser (1913)

Doch was hat Erich Koch-Weser mit Kassel zu tun?

Erich Koch (zunächst noch ohne den Zusatz "Weser") wurde am 12. September 1913 von den Kasseler Stadtverordneten auf zwölf Jahre zum Oberbürgermeister der Stadt Kassel gewählt. Der 1875 in Bremerhaven an der Wesermündung geborene Verwaltungsfachmann, zuvor Stadtdirektor in Bremerhaven, machte sich auch in der Großstadt Kassel bald einen guten Namen.

In der hessen-nassauischen Provinzialhauptstadt mit ihren 150 000 Einwohnern wirkte er tatkräftig bei der Neuordnung des städtischen Elektrizitätswesens mit. 1914 weihte er die neue Stadthalle im Vorderen Westen ein. Doch dann kam der Erste Weltkrieg und der Schwerpunkt seiner Arbeit verlagerte sich darauf, dafür zu sorgen, dass die Kasseler Bevölkerung mit den notwendigsten Lebensmitteln und Gebrauchsgütern des Alltags versorgt wurde. Hier leistete er effiziente, ja geradezu vorbildliche Arbeit, die auch außerhalb viel Anerkennung fand.

Trotz aller Arbeitsbelastung nahm sich Oberbürgermeister Koch die Zeit, Ereignisse, Erlebnisse und Gedanken in Tagebüchern niederzuschreiben. Unter dem Titel "Kommunalpolitik im Ersten Weltkrieg. Die Tagebücher Erich Koch-Wesers 1914 bis 1918" sind seine Aufzeichnungen von dem Historiker Dr. Walter Mühlhausen als historische Quelle publiziert worden. Darin werden differenzierte Einblicke in die Geschichte der Stadt Kassel unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs vermittelt.

Nach der politischen Umwälzung in Deutschland im November 1918 führte der Weg des überzeugten Demokraten Erich Koch von Kassel aus in die Reichspolitik. Noch im November 1918 gründete er mit Gleichgesinnten die Kasseler Gruppe der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die sich als linksliberal verstand.

Als er im Februar 1919 in der Deutschen Nationalversammlung zum DDP-Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde, nannte er sich - da es einen Fraktionskollegen gleichen Nachnamens gab - Erich Koch-Kassel. Als er dann 1924 nach der Reichstagswahl den Wahlkreis 14 (Weser-Ems) vertrat, fand er sich erneut unter Trägern des gleichen Nachnamens wieder. Um Verwechslungen zu vermeiden, beantragte er beim preußischen Justizminister den Namenszusatz "-Weser". Nachdem der Antrag bereits genehmigt war, zog er ihn im Dezember 1924 wieder zurück, da ihm das Reichstagspräsidium inzwischen gestattet hatte, den Namen Koch-Weser im Reichstag auch ohne amtliche Eintragung zu führen. Doch im Frühjahr 1927 entschloss sich Erich Koch, die Namenserweiterung amtlich bestätigen zu lassen.

Als Erich Koch im Oktober 1919 seinen Oberbürgermeisterposten vorzeitig aufgab, hatte das "Kasseler Tageblatt" bedauernd geschrieben: "Ein Mann von seltenen Fähigkeiten und unermüdlicher Arbeitskraft wird jetzt unserer Vaterstadt genommen...".

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