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Kasseler Demokratie-Impuls geht an „Die NSU-Protokolle“

Preisträger der erstmals vergebenen Auszeichnung „Kasseler Demokratie-Impuls" ist das Autoren-Team der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger, Rainer Stadler, Wiebke Ramm und Prof. Dr. Tanjev Schultz, für die Artikelserie „Der Prozess“. Das hat eine fünfköpfige renommierte Jury jetzt entschieden.

Von links oben nach rechts unten: Wiebke Ramm, Rainer Stadler, Prof. Dr. Tanjev Schultz und Annette Rammelsberger

Die Journalisten hatten den Jahrhundertprozess, bei dem es auch um die Ermordung des Kasseler Bürgers Halit Yozgat im Jahr 2006 durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ging, fünf Jahre lang begleitet und dokumentiert. Die Preisverleihung findet im November statt.

Leid der Opferfamilien

In der Jury-Begründung heißt es, die Dokumentation des NSU-Prozesses sei nicht nur ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument. „Die Protokolle machen eindrücklich auch das Leid der Opferfamilien deutlich, geben Einblick in das Geschehen im Nationalsozialistischen Untergrund sowie in die Prozessdynamik und können Grundlage für wissenschaftliche Arbeiten sein.“ 

Der Prozess gegen die Verantwortlichen der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) endete am 11. Juli 2018 nach fünf Jahren und 438 Verhandlungstagen. Es war das längste und größte Verfahren gegen Rechtsterroristen und Rechtsextremisten in Deutschland. In 500 Beiträgen berichteten die vier Autoren in der Süddeutschen Zeitung über den Prozess. 

Die so entstandene Dokumentation sei laut Jury auch eine Tiefenbohrung in die Gesellschaft mit Einblicken in rechtsextremistische Netzwerke, in die staatliche Unterstützung von V-Männern bis hin zu Verunglimpfungen und falschen Verdächtigungen von Opfern und deren Familien. Viele Fragen, auch im Zusammenhang mit der Ermordung des damals 21-jährigen Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel, blieben indes auch nach Ende des Prozesses offen und ungeklärt. 

Fast 50 journalistische und wissenschaftliche Arbeiten eingereicht

Die Auszeichnung „Kasseler Demokratie-Impuls“, die verbunden ist mit dem Gedenken an die NSU-Opfer, wurde im Jahr 2019 von der Stadt Kassel erstmals bundesweit ausgeschrieben. Insgesamt waren 48 wissenschaftliche und journalistische Arbeiten eingereicht worden, die sich vor allem mit den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen. Oberbürgermeister Christian Geselle ist erfreut über die große Resonanz: „Mit diesem Preis wollen wir als Stadt Impulse setzen und dazu aufrufen, wachsam zu bleiben und gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit vorzugehen. Dazu mahnen uns die Opfer rechtsextremistischer Gewalttaten, unter ihnen Halit Yozgat und Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke."

von links: Dr. Steffen Kailitz, Oberbürgermeister Christian Geselle, Prof. Barbara John (Ombudsfrau der Bundesregierung), Taha Kahya (Mitarbeiter der Ombudsfrau)

Auch Förderpreise sollen vergeben werden

Die Jury sprach sich weiterhin dafür aus, drei Förderpreise für wissenschaftlichen Nachwuchs zu vergeben. Ausgezeichnet werden Rebekka Bonacker, Adriana Fink und Mara Teutsch für ihre Forschungsarbeit mit dem Titel „Kritische Analyse der Dynamiken im Erinnern an den NSU-Komplex“, Ann-Kathrin Mogge für ihre Masterarbeit „Nach der Wende die Wende? Diskussionen um die Nation in zwei neurechten Periodika nach der Wiedervereinigung“ und Andrea Horni für ihre Masterarbeit zu dem Thema „Erinnerungsort: eine Straße für Halit Yozgat – Die Kasseler Diskussion um ein Opfer nazistischer Gewalt“. 

Mit diesen Förderpreisen soll laut Jury nicht nur die wissenschaftliche Leistung anerkannt werden. Ziel sei es auch, Impulse in die Gesellschaft zu setzen. Zugleich sollen sie zeigen, dass es sich lohnt, sich wissenschaftlich mit Themen wie Rechtsextremismus, Rassismus, politisch motivierter Gewalt und Antisemitismus auseinanderzusetzen und dass die Wissenschaft den kritischen, empirisch, solide arbeitenden Nachwuchs braucht. Die Preisverleihung ist für den 13. November 2020 in Kassel geplant – sofern es das Infektionsgeschehen der Corona-Pandemie im Herbst zulässt.

Hintergrund

Mit der Auszeichnung „Kasseler Demokratie-Impuls“ sollen herausragende wissenschaftliche Arbeiten sowie tiefgreifende, analytische journalistische Arbeiten, die Rassismus, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in der Gesellschaft thematisieren und sich insbesondere mit Rechtsextremismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus auseinandersetzen, gewürdigt werden. 

Die Jury besteht aus: Prof. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, ihr Mitarbeiter Taha Kahya, Hans Eichel, ehemaliger Bundesfinanzminister, Hessischer Ministerpräsident und Kasseler Oberbürgermeister, PD Dr. Steffen Kailitz, Politikwissenschaftler und Extremismusforscher am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden, sowie Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Demokratie und Demokratisierung.Die mit 3.000 Euro dotierte Auszeichnung soll wissenschaftliche und journalistische Arbeiten würdigen, die sich mit Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus beschäftigen, Entwicklungen und Fakten aufzeigen, analysieren und einordnen, Präventionswege eröffnen und Impulse setzen.

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