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Ein Blick in Kasseler Vergangenheit

Zeitkapseln, bei der Grundsteinlegung eines Gebäudes mit eingemauert, sind eine weit verbreitete Tradition. Verwendet wurde der Begriff erstmals in den 1930er Jahren, der Brauch geht aber weiter zurück.

Besonders in Turmknäufen, die aufgrund ihrer relativen Unzugänglichkeit von alters her als sicherer Aufbewahrungsort galten, werden bei Renovierungsarbeiten oftmals historische Zeugnisse aufgefunden. Eingebürgert hat sich für dieses Schriftgut der Begriff „Turmakten“ oder „Kirchturmknopfakten“. 

Im Vergleich zu den Turmakten sind Grundsteinkapseln dagegen seltener, und finden sich nur bei Abriss oder Zerstörung des Gebäudes.

Die inhaltliche Zusammensetzung ist unterschiedlich, besteht hauptsächlich aus den oben bereits erwähnten Tageszeitungen oder Geldmünzen. Die Enttäuschung nach einer Öffnung ist deshalb oftmals groß, erwartet man doch wertvolle historische Artefakte, die Aufschluss auf Leben und Handeln vor vielleicht 100 Jahren oder mehr bieten, stattdessen findet man „nur“ Zeitungen oder ähnliches. 

Doch die Enttäuschung ist unangebracht. Die bewusst zusammengestellten Momentaufnahmen müssen mit großer Vorsicht ausgewertet werden, geben sie doch das damalige Zeitgeschehen und vielleicht auch das Selbstverständnis der Hinterleger wieder. Spannender wird es natürlich, wenn sich persönliche Dinge der Hausbesitzer finden. Tageszeitungen oder Münzen geben zwar einen interessanten Einblick in Gesellschaft und Politik der jeweiligen Zeit, doch das Leben einzelner Personen oder Familien, dokumentiert etwa durch Fotos oder Briefe, machen die Geschichte noch greifbarer.

Eine solche Zeitkapsel findet sich auch in den Beständen des Stadtarchivs Kassel. Von außen eher unscheinbar stellt ihre inhaltliche Zusammensetzung doch etwas Spektakuläres dar. Die Blechkiste wurde von den Bauunternehmer Ferdinand Briebach 1905 in den Grundstein seines Hauses in der Holländischen Straße eingemauert. Gefüllt ist sie neben den üblichen Tageszeitungsausschnitten, unter anderem aus dem Casseler Tageblatt und Anzeiger, mit sehr persönlichen Dingen der Hausbesitzer. Dazu zählt zunächst das Etikett einer Flasche Wein (Enkircher Steffensberg Auslese), mit der die neuen Hausbesitzer und geladenen Gäste auf das Ereignis angestoßen hatten. 

Persönlicher sind aber die weiteren Inhalte der Schatulle. Ferdinand Briebach hatte zu dem besonderen Anlass auch keine Kosten gescheut und Fotos unter anderem von sich, seiner Frau Laura und seinem Sohn Christian beim Kasseler Fotographen Carl Hoffmann, der sein Geschäft in der Wilhelmsstraße 2 hatte, anfertigen lassen. Hinzu kommt ein dreiseitiger handgeschriebener Brief mit biografischen Angaben zu seiner Familie.

Im Adressbuch der Stadt Kassel von 1907 wird Ferdinand Briebach unter der Hausnummer 45 als Hausbesitzer des Hauses in der Holländischen Straße geführt. Er wohnte in der sogenannten Beletage, dem repräsentativen ersten Obergeschoss. Im 2. Weltkrieg wurden große Teile der Bebauung an der Holländischen Straße zerstört. Auch das Haus der Familie Briebach wurde stark beschädigt und wohl im Zuge der Neubauaktivitäten in den 1950er Jahren abgerissen. Dabei fand man auch die Zeitkapsel, die dann an das Stadtarchiv abgegeben wurde.

Die Zeitkapsel aus der Holländischen Straße ist nicht nur ein Zeugnis der Familiengeschichte Briebach, die sich anhand des Familienlebenslaufes bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, sie kann Ausgangspunkt sein für verschiedene stadtgeschichtliche Untersuchungen. Auch wenn es sich bei dem hier geschilderten Beispiel um einen Sonderfall einer besonders üppig ausgestatteten Zeitkapsel handelt, bieten diese Kapseln doch vielfältige Möglichkeiten der Auswertung. Man sollte sich dabei auch von im ersten Ausblick profan erscheinenden Inhalten nicht abschrecken lassen. 

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