Das Glas der Vernunft

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wird jährlich an Personen oder Institutionen verliehen, die mit ihrem Wirken den Idealen der Aufklärung in besonderer Weise dienen. 2022 wird Bénédicte Savoy mit dem Kasseler Bürgerpreis geehrt.

Der Peis wird am Sonntag, 9. Oktober 2022, um 11.30 Uhr im Opernhaus des Staatstheaters Kassel an Bénédicte Savoy übergeben. Wer noch nicht Mitglied des Vereins ist kann sich per E-Mail  infoglas-der-vernunftde zu der Preisverleihung anmelden. Die Karten werden dann per Post versendet. Da der Verein keine öffentlichen Mittel erhält und somit der Preis finanziell ausschließlich von den Kasseler Bürgern und Bürgerinnen getragen wird, wird eine angemessene Spende erbeten (IBAN DE 74 5205 0353 0002 0509 35).

Ins Herz der Kolonialgeschichte vorgestoßen

In diesem Jahr wird zum 31. Mal der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ verliehen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung geht an die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.

„Wir wer-den den Preis einer Visionärin übergeben, die ins Herz der Kolonialgeschichte vorgestoßen ist und gleichzeitig Wege aufgezeigt hat, kulturelle Beziehungen auf Augenhöhe zu leben“, sagt Bernd Leifeld, Vorsitzender des Vorstandes der Gesellschaft der Freunde und Förderer dieses Preises. Bénédicte Savoy ist Leiterin des Fachgebiets Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin; das Time Magazine zählte sie zu den 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2021 für die weltweite Restitutionsdebatte. Vorstand und Kuratorium würdigen, dass sie wissenschaftliche Forschung und kulturpolitisches Handeln verbindet.

Bénédicte Savoy, die in Paris und Berlin lehrt, hatte dem Humboldt-Forum 2017 einen Mangel an Provenienzforschung, Transparenz und Autonomie vorgeworfen und war aus dem Expertenbeirat des Forums ausgetreten. Die von ihr ausgelöste öffentliche Diskussion über koloniale Raubkunst schlug hohe Wellen – und sie zeigt erste Wirkung: Frankreich gibt 26 Schätze an die Republik Benin zurück und die Bundesrepublik will in diesem Jahr Bronzen nach Nigeria restituieren. Das könne aber nur der Anfang sein, denn es gehe, so die Preisträgerin, bei der Restitutionsdebatte um eine „Haltung zur Gegenwart und zur Zukunft, nicht um eine Abrechnung mit der Vergangenheit“. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei, dass Museen ihre „falsche Ehrlichkeit“ beenden und volle Transparenz schaffen.

Bénédicte Savoy habe gegen erhebliche Widerstände den Finger in die Wunde des oft verschwiegenen oder verharmlosten Kunstraubs in der Kolonialzeit gelegt und als Wissenschaftlerin eine Diskussion geprägt, die den Umgang der Museen, auch der in Deutschland, mit ihren Beständen aus der Kolonialzeit verändern werde, so Leifeld. Sie bringe damit ein überfälliges Umdenken im Umgang mit den eigenen kolonialen Geschichten maßgeblich voran. Geraubte Kulturgüter, die in einem Museum stehen, seien weit mehr als ein geraubtes Objekt. An und mit ihnen konnten sich Menschen zusammenfinden und weiterentwickeln. Durch koloniale Beutezüge wurde ihnen die Möglichkeit entzogen, ihre Kulturen zu leben. Bénédicte Savoy setzt sich mit großem Engagement dafür ein, dass diese Kulturen nicht nur anerkannt, sondern mit den Objekten sichtbar gemacht werden.

Vorstand und Kuratorium des Kasseler Bürgerpreises würdigen Bénédicte Savoy für ihren kultur-politischen Aufbruch. Gleichzeitig sehen sie als Bürgerinnen und Bürger Kassels die Verpflichtung, die Restitution von Raubkunst auch aus Kasseler Museen aufmerksam zu begleiten. Sie erwarten gespannt, wie bei der documenta fifteen Kunstwerke in ihren kulturellen Kontexten zu erleben sein werden.

Der Kasseler Bürgerpreis - Hintergrund

Kasseler Bürgerinnen und Bürger haben 1990 den Kasseler Bürgerpreis "DAS GLAS DER VERNUNFT" gestiftet. Anlass war die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 und die damit verbundene Zusammenführung der geschichtlich und kulturell eng verbund­enen Regionen Nordhessen und West-Thüringen.

Die Auszeichnung wird seit 1991 jährlich an Personen oder Institutionen vergeben, die sich in besonderer Weise um die Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden verdient machen. Zusätzlich zum Preisgeld, das von Kasseler Bürgerinnen und Bürgern finanziert wird, erhält der Preisträger eine vom Kasseler Kunstprofessor Karl Oskar Blase gestaltete Skulptur.