Stiftung ehrt Namensgeber und vergibt Preise

Anlässlich seines 100. Geburtstages am 18. Dezember 2025 hat die Walter‐Heilwagen‐Stiftung ihren Namensgeber gewürdigt und die Walter‐Heilwagen‐Preise, dotiert mit je 3.000 Euro, vergeben. Ganz im Sinne des Stifters gingen sie an zwei Initiativen, deren Arbeit sich sozialen Missständen widmet.

Für die Begleitung von jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund auf dem schulischen, beruflichen und persönlichen Lebensweg wurde SELF Kassel e.V. ausgezeichnet. Die Abkürzung steht für Selbstbestimmt, Engagiert, Lernen und Fördern. Dieser Verein begleitet junge Menschen vor allem mit Migrationserfahrung oder aus Deutschland auf dem schulischen, beruflichen und persönlichen Lebensweg. Im Jahr 2024 wurden die Angebote weiter ausgebaut, weil die Nachfrage weiter wuchs. Insgesamt wurden 103 Jugendliche ab der 7. Klasse individuell beraten und begleitet, davon zwei Drittel junge Frauen. Die Teilnehmenden stammten aus 16 Herkunftsländern und besuchten 26 verschiedene Bildungseinrichtungen in Kassel. Kulturelle Angebote wie internationales Kochen, Ausflüge, Ferienprogramme und gemeinsame Feste fördern das soziale Miteinander und stärken Gemeinschaft und Integration. 

Preisträger ist auch Love Always Wins e.V. Der Verein macht mit authentischen Schulbesuchen, Vorträgen, Workshops und Begleitmaterialien digitale Gewalt sichtbar und zeigt Jugendlichen, wie sie sich schützen können. Themen wie Selbstwert, Resilienz, Medienkompetenz, Zivilcourage und Demokratiebildung stehen dabei im Fokus. Love Always Wins e.V. entwickelt interaktive Bildungsformate für Schulen, Unternehmen und Institutionen und leistet präventive Aufklärung in Medien und Politik –sowie digitale Zivilcourage. Ziel ist zudem die Förderung von Resilienz, Selbstwert und soziale Kompetenzen bei jungen Menschen. 

Walter Heilwagen

Gedenkveranstaltung

Der Titel der Gedenkveranstaltung lautete „Walter Heilwagen 100 – Neue Wege der Sozialpolitik". Für einen inhaltlichen Impuls sorgte dabei Prof. Dr. Ernst Ulrich Huster. Es folgte eine Talkrunde mit Weggefährtinnen und Weggefährten, darunter Ex- OB Hans Eichel, Heilwagens damalige Referentin und spätere Kreis-Jugendamtsleiterin Käthe Heinrich und die damaligen Stadtverordneten Dr. Mechthild von Lutzau sowie Ex-Bürgermeisterin Ilona Friedrich.

„Walter Heilwagen setzte sich auf Grund seiner Kriegserlebnisse für eine Gesellschaft ein, in der niemand an den Rand gedrängt werden sollte. Sein sozialpolitisches Schaffen war an den tatsächlichen Bedürfnissen Menschen orientiert und von tiefer Menschlichkeit geprägt. Er war ein überzeugter Europäer“, so kennzeichnete der Sprecher der Stiftung Hajo Schuy die Arbeit und Haltung von Walter Heilwagen. Sozialdezernent Norbert Wett würdigte seinen Amtsvorgänger als Mann, der bleibenden Einfluss auf Kassel ausgeübt habe. „In einer Zeit, in der von Teilhabe und individueller Selbstbestimmung noch wenig die Rede war, hatte er Menschen und Gruppen am Rand im Blick.

Unter den vielen Auszeichnungen für sein Wirken war das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Die Stadt Kassel ehrte ihn als Stadtältesten.

Pädagoge und Sozialdezernent

Der Kasseler Sozialpolitiker Walter Heilwagen (1925 bis 2002) wurde in Kassel als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft in der Sowjetunion machte er 1947 Abitur in Hann. Münden. Er studierte an verschiedenen hessischen Hochschulen mit den Schwerpunkten Pädagogik und Psychologie und arbeitete ab 1952 in Kassel als Sonderschullehrer und Schulpsychologe. 1959 wurde er Sonderschulrektor.

Von 1964 bis 1973 war er Stadtverordneter (SPD) im Kasseler Stadtparlament und dort Vorsitzender des Ausschusses für die Gründung der Kasseler Universität. 1973 wechselte er in den Magistrat der Stadt Kassel als Dezernent für Gesundheit und Soziales. Er leitete es bis zu seinem beruflichen Ausscheiden 1985.

Als Dezernent initiierte Heilwagen eine ganze Reihe neuer Einrichtungen zur Verbesserung des Mitspracherechts und der kommunalen Gestaltungsmöglichkeiten bzw. setzte sie um, u.a. von Ausländerinnen und Ausländern, Senioren, Behinderten und Frauen: Seniorenbeirat, Altenentwicklungsplan, Ausländerbeirat, Kommission für die Gleichstellung der Frau; Beratungsstellen für Nicht Sesshafte, Krankenhaussozialdienst für alle Krankenhäuser; Behinderten-, Schwangerschafts- und Schuldnerberatung. Im Rahmen der Psychiatriereform steuerte er die Errichtung des Ludwig-Noll-Krankenhauses und richtete sechs flächendeckende Gemeinde-Sozialstationen ein.

Neben und auch nach seiner hauptamtlichen Tätigkeit nahm Heilwagen zudem viele Leitungsaufgaben in Vereinen und Verbänden war, oft als Vorsitzender. Dazu gehörte unter anderem im Landesvorstand der GEW, im Sozialausschuss des Hessischen Städtetages, dort zeitweise als Beauftragter für die Psychiatriereform; in der Verbandsversammlung des LWV Hessen, der Krankenhauskonferenz Kassel Nordhessen, Hessische Krankenhausgesellschaft, Blutspendedienst Hessen des DRK; Verein für Volkswohl, Kuratorium 
Aktion für Behinderte e.V., Europa-Union Kassel, Europa-Kolleg Kassel, Kuratorium der Aschrottschen Stiftungen, Kasseler Hochschulbund.

Der "echte Kasseläner" Heilwagen galt seinen Zeitgenossen als geschickter Verhandler und Organisator. Seine große Stärke war dabei seine Sensibilität für Personengruppen, die aufgrund ihrer Lebenslage öffentlichen Beistandes bedurften. Sie gesellschaftlich zu integrieren, war ihm - nicht zuletzt durch eigene Kriegserfahrungen - Herzenssache. 1992 erhielt Heilwagen das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Stadt zeichnete ihn als "Stadtältester" und mit der Karl- Schomburg-Plakette aus. Seine langjährige Lebensgefährtin war Maria Lütkemeyer, Professorin an der Kunsthochschule Kassel.

Durch Testament begründete Walter Heilwagen die nach ihm benannte Stiftung, die von der Stadt und dem Kasseler Hochschulbund verwaltet wird. Ihr Zweck ist die Förderung von Wissenschaft, Kunst, Kultur, Bildung und Erziehung auf dem Gebiet der Humanisierung des menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens in Kassel oder von Kassel ausgehend. (Quelle: Jochen Lengemann, Bürgerrepräsentation und Stadtregierung in Kassel 1835-2006, Marburg, Bd. 2; Walter-Heilwagen-Stiftung, Kassel, Biographie, Stadtarchiv Kassel.)