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Willi Seidel

Über ein halbes Jahrhundert kam der gebürtige Kasseler Willi Seidel morgens ins Rathaus zur Arbeit.

Über ein halbes Jahrhundert kam der gebürtige Kasseler Willi Seidel morgens ins Rathaus: Fast zehn Jahre als Oberbürgermeister, zuvor 42 Jahre als Verwaltungsbeamter. Dass innerhalb dieser langen Zeit auch die NS-Jahre lagen, wurde erst lange nach seinem Tod inhaltlich näher öffentlich beleuchtet. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, hatte er sich zwar von seinem Amt als Leiter des Personalamtes entbinden lassen, nachdem ihm mitgeteilt worden war, dass er "nicht das Vertrauen der NSDAP" besitze. Als Gegner des Regimes trat er jedoch nicht in Erscheinung, ihm wurden andere Verantwortungsbereiche übertragen.

Geboren am 1. November 1885, hatte Seidel die Oberrealschule in der Kölnischen Straße besucht. Als Beamtenanwärter trat er 1903 in den städtischen Dienst ein, wurde 1914 Magistratssekretär, 1927 Stadtverwaltungsdirektor. 1933 übernahm er die Leitung des Versicherungsamts, ab 1935 bereitete er die Eingemeindung einiger benachbarter Ortschaften vor (Nieder- und Oberzwehren, Nordshausen, Harleshausen, Wolfsanger und Waldau). Als die NS-Diktatur verstärkt den Krieg ins Visier nahm, bereitete Seidel unter anderem eine mögliche Bewirtschaftung aller Lebensmittel und Verbrauchsgüter vor.

Als er das sechste Lebensjahrzehnt schon fast hinter sich hatte, kam die ganz große Herausforderung: Wenige Tage, nachdem die US-Truppen 1945 in die total zerstörte Innenstadt einmarschiert waren, boten sie Seidel an, Oberbürgermeister des massiv  kriegszerstörten Kassels zu werden. Am 7. April 1945 sagte Willi Seidel zu und vollzog erste Weichenstellungen zum Wiederaufbau. In der Stadtverwaltung oblag ihm der personelle und organisatorische Neuaufbau.

Seiner zunächst kommissarischen Tätigkeit folgte 1946 in der Stadtverordnetenversammlung die demokratische Beauftragung für zwei weitere Jahre. Als er sich 1948 einer erneuten Wiederwahl stellte,entschied bei Stimmgleichheit mit einem liberaldemokratischen Gegenkandidaten erst das Los für Seidel und eine weitere sechsjährige Amtszeit.

Unter seiner Regie wurden viele Entscheidungen für die Nachkriegsentwicklung der Stadt gestellt. Die erste Bundesgartenschau 1955 ging auf seine Initiative zurück. Die lediglich als Begleitprogramm gedachte erste documenta wurde zur bedeutendsten Weltkunstausstellung der modernen Kunst.

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