Unfinished Requiem_in the Gut of Humanity

Veranstaltungsinformationen

Samstag, 14. November 202618:00 Uhr19:15 Uhr

Links

Nach dem Sensationserfolg Let’s Talk About Trance - Transmuted Symphony kehrt Andrea Peña zurück zu TANZ_KASSEL mit einem neuen Tanzabend im INTERIM des Staatstheaters Kassel In einer Zeit, die von Unsicherheit und sich wandelnden gesellschaftlichen Realitäten geprägt ist, zeigt sich der Körper zugleich als Ort der Verwundbarkeit und der Handlungsmacht. Was früher als Bild stiller Fürsorge galt – der gehaltene, verletzte Körper – wird hier zum Ausgangspunkt von Bewegung: der Moment, in dem der Körper Starre ablehnt, Spannungen sichtbar werden und sich in Kraft, Dringlichkeit und Präsenz äußern.

 

Der Tanzabend untersucht, was passiert, wenn der Körper aufhört, nur Objekt der Geschichte zu sein, und beginnt, sich zu emanzipieren – widersprüchlich, unkontrollierbar und lebendig. Ausgangspunkt ist die Pietà: das ikonische Bild eines Körpers, der von einem anderen gehalten wird, und das sowohl Fürsorge als auch menschliche Verletzlichkeit zeigt. Ein Körper, der in Stille gehalten wird, wird so zum Träger von Spannung. Unter dieser Stille liegt jedoch eine physische Realität: das Gewicht des Körpers, die Arbeit des Haltens, das ständige Aushandeln zwischen Unterstützung und Zusammenbruch. In der Gegenwart erhält dieses Bild eine neue Dringlichkeit.

 

Die Pietà erscheint hier nicht länger als statische Ikone, sondern als dynamisches System. Das Bild trifft auf die Realität: die klare Grenze zwischen einem sicheren Innen und einem gefährlichen Außen ist aufgehoben. Was einst Stabilität versprach, kann brüchig werden; was Sicherheit bedeutete, kann zur Bedrohung werden. Dem steht die Emanzipation des Körpers gegenüber: Spannung lässt sich nicht länger kontrollieren, Widerstand und Begehren treten hervor. Wenn der Körper sich bewegt – unkontrolliert, widersprüchlich, lebendig –, zeigt sich, dass die bestehende Ordnung ihre Gültigkeit verliert.

 

Die Komposition der Körper entwickelt sich zu einer flexiblen Struktur, in der Gleichgewicht, Druck und Abhängigkeit ständig neu austariert werden. Der Körper ist nicht länger nur Objekt der Betrachtung, sondern aktiver Teil der Bewegung. Spannung wird nicht gelöst, sondern verteilt. Ordnung weicht Rhythmus, Wiederholung und Übermaß – eine Choreografie, in der sich Körper zwischen Koordination und Bruch, zwischen Stütze und Auflösung bewegen.

 

Andrea Peña betrachtet die Pietà nicht als Symbol, das es zu bewahren gilt, sondern als Bild, das sich erweitern lässt. Die Arbeit untersucht, was passiert, wenn diese vertraute Struktur zu einem kollektiven Organismus wird: ein Feld von Körpern, in dem Gewicht, Fürsorge, Reibung und Widerstand ausgehandelt werden.

 

Andrea Peña ist international gefeierte Tänzerin und Choreografin, deren Arbeiten Körper, Raum und Emotion zu klaren choreografischen Bildern verbinden. Mit einem Gespür dafür, Verletzlichkeit und Stärke zugleich sichtbar zu machen, behandelt sie gesellschaftliche, politische und persönliche Themen – immer mit Rhythmus, Energie und visueller Präzision. Queerness und Identität spielen eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit, sowohl in performativen Experimenten als auch in immersiven Choreografien. Für TANZ_KASSEL entwickelte Andrea Peña das Stück Let’s Stalk About Trance, das Grenzen zwischen Trance, Intimität und kollektiver Erfahrung auslotet. Dort verbinden sich Präzision, politische Reflexion und sinnliche Kraft zu einer Performance, die das Publikum unmittelbar in das Spannungsfeld von Macht, Begehren und Widerstand zieht. Andrea Peña gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen Tanzes – eine Künstlerin, deren Arbeiten sowohl den Verstand als auch die Sinne ansprechen.

 

„Mich interessiert der Moment, in dem der Körper aufhört, ein Symbol zu sein, und in seiner ganzen Komplexität erscheint – geprägt von Spannung, Widerstandskraft, Anstrengung und Fragilität. In Unfinished Requiem_In the Gut of Humanity wird der Körper nicht dargestellt, sondern verhandelt: ein Ort, an dem Verletzlichkeit und Handlungsmacht zugleich existieren. Es ist ein Körper, der sich einfachen Zuschreibungen entzieht und seine Widersprüchlichkeit als Teil des Menschseins begreift. Geprägt von meiner Herkunft verstehe ich den Körper als etwas, das sich ständig wandelt – im Austausch zwischen Materie, Erinnerung und Landschaft. In der Arbeit entfaltet sich die Pietà zu einer kollektiven Architektur von Körpern: ein bewegliches Gefüge, in dem Gewicht, Fürsorge, Druck und Widerstand fortlaufend neu ausgehandelt werden und in dem das Halten selbst zu einer aktiven Kraft wird.“ 
- Andrea Peña