Ingeborg Bachmann - eine Chronik

Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,

und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt,

ich habe von allen Türmen Städte gesehen,

die Menschen, die kommen werden und die schon gehen.

 

Wie dichten nach Kriegen und Faschist:innen? Welche Erzählungen hineinschreiben in Zeiten von Wirtschaftswunder und Kriegsverbrecherprozessen? Wie die Involviertheit der eigenen Familie in Grausamkeit verarbeiten? Nichts Geringeres war Ingeborg Bachmanns Anspruch an ihre Arbeit. Freie Schriftstellerin und unverheiratet in den 50er und 60er Jahren - das war ungewöhnlich und aufsehenerregend: „Haltet Abstand von mir, oder ich sterbe, oder ich morde, oder ich morde mich selber. Abstand um Gottes willen!“ schreibt sie in einer Erzählung. Unbedingt hielt sie fest an der Kunst. Liebesbeziehungen waren auch künstlerische Verehrungen, Freiheiten und Sehnsüchte. Ein Leben im Dazwischen: Zwischen dem Aufbau einer Dichterinnenpersönlichkeit und der Zurückgezogenheit in der Einsamkeit am Schreibtisch, im Ringen mit der Sprache. 

 

Sascha Hawemann beschäftigt sich seit Jahren mit Dichterinnen, ihrem Werk und Leben. Er zeigt sie in historischen, ideologischen Verwerfungen und in politischen Utopien, untersucht ihre emotionalen Welten und persönlichen Beziehungen. Nach Maxi Wander und Christa Wolf nun Ingeborg Bachmann. Diese Frauenstimmen sind Kinder des Krieges, der Nazidiktatur, des Aufbruchs und Ausbruchs aus dem patriarchalen Käfig. Ihre Kunst ist feministisch, die Poetik dialektisch. In Form einer subjektiven künstlerischen Biografie durch die Jahrzehnte ihres Lebens entstehen zeitgeschichtliche Chroniken. Um die in Erinnerung zu behalten, die Wege bereitet haben, sich bedingungslos ihrer Kunst und dem Leben gestellt haben.

 

über I.B.: 

zum schreien taugen gedichte erzählungen und sechzig zigaretten am tag

ich will die stummen zu stimmgewaltigen machen

dazu klappert die schreibmaschine die schmerzmaschine (wortmaschine)

will raus ins leben ohne erlaubnis

bevor man erstickt

atmet man sich frei