Der Mensch erscheint im Holozän

Che tempo! Che tempo! Seit Wochen regnet es sintflutartig. Das Tessiner Bergtal, in dem Herr Geiser seinen Ruhestand verbringt, ist durch einen Erdrutsch von der Zivilisation abgeschnitten. Der Strom ist ausgefallen, die Kochplatte bleibt kalt und jeder Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen. Ist die Natur außer Kontrolle? Was, wenn der Berg sich löst und Haus, Dorf und Tal für immer unter sich begräbt?

 

Doch Herr Geiser lässt sich vom drohenden Untergang nicht unterkriegen. Mit Wissen und Ordnung kämpft der Schweizer Rentner gegen das Verschwinden an. Akribisch sammelt, ordnet und notiert er Fragmente menschlichen Wissens aus Lexika, Geschichtsbüchern und der Bibel. Bald jedoch stellen sich Zweifel ein: Welches Wissen ist es wert, gerettet zu werden? Und lässt sich die eigene Identität bewahren, indem man sie archiviert? 

 

Zuletzt fasst Herr Geiser einen kühnen Entschluss: Er packt seinen Rucksack und wagt die Flucht über die Berge, doch der Pfad verliert sich bald im weißen Dunst. Was jetzt? Ist es Nebel – oder beginnt das Vergessen bereits hier?

 

In unserer Gegenwart, in der die Auswirkungen des Klimawandels immer spürbarer werden, erscheint Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän aus dem Jahr 1979 von beklemmender Hellsichtigkeit. Was macht es mit uns, mit unserem Selbstbild und unserer Identität, wenn vertraute Orte verschwinden? Wenn ganze Landschaften zerstört und unbewohnbar werden? Wenn Sicherheiten ins Rutschen geraten und Erinnerungen ihren Halt verlieren?

 

Die tschechische Regisseurin und Kostümbildnerin Kamila Polívková spürt der fragilen Verflechtung von Mensch, Identität und Umwelt mit ihrer präzisen Bildsprache nach und inszeniert Max Frischs letzte Erzählung als poetisch-musikalisches Theatergewitter auf der großen Bühne.