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Prüfungsergebnis zur documenta urbana liegt vor

An mehreren Gebäuden der bauhistorisch und künstlerisch bedeutsamen documenta urbana sind in jüngster Zeit im Zusammenhang mit Modernisierungsmaßnahmen durch einen privaten Investor gravierende bauliche Veränderungen vorgenommen worden, die der baukulturellen und historischen Bedeutung der Siedlung nicht gerecht werden

Da die Gebäude zum Zeitpunkt der Umbaumaßnahmen jedoch noch nicht unter Denkmalschutz standen, sind die Modernisierungsmaßnahmen nicht durch den Denkmalschutz genehmigungspflichtig, so das Ergebnis einer verwaltungsrechtlichen Prüfung. Nach Hessischer Bauordnung handelte es sich um genehmigungsfreie Maßnahmen.

Die gravierenden baulichen Veränderungen wurden der Stadtverwaltung im Dezember 2019 bekannt. Auch die Freianlagen wurden bei Instandsetzungsarbeiten deutlich verändert. Hierfür liegt inzwischen nach Intervention der Unteren Denkmalschutzbehörde eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung vor.

Stadtbaurat Christof Nolda ist erschüttert über das bauliche Ergebnis der Sanierungsmaßnahmen: „Die Qualität der Siedlung, die sie zu einem international beachteten Vorzeigeprojekt gemacht hat, ist ihr innovativer konzeptioneller und künstlerischer Ansatz für kostengünstigen Wohnungsbau mit hoher Wohnqualität, der bis heute richtungsweisend ist. Selbstverständlich waren nach einer langen Nutzungsdauer Sanierungsmaßnahmen erforderlich, aber diese hätten zwingend in respektvoller Auseinandersetzung mit ihrem baukulturellen Wert erfolgen müssen. Durch die architektonisch nicht angemessene Art und Weise der erfolgten Maßnahmen ist der Wert der Siedlung dauerhaft beschädigt worden.“

Nach Bekanntwerden dieses Vorgangs hat Stadtbaurat Christof Nolda deshalb eine verwaltungsrechtliche Prüfung initiiert. Nun liegt das Ergebnis vor: Da die betroffenen Gebäude, nach ihrer prägnanten städtebaulichen Form auch „Schlange“ genannt, zum Zeitpunkt der Umbaumaßnahmen nicht unter Denkmalschutz standen und die durchgeführten Sanierungsmaßnahmen gemäß der Hessischen Bauordnung nicht genehmigungspflichtig sind, ist die Forderung einer Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands bau- und denkmalrechtlich nicht durchsetzbar. Ähnlich verhält es sich mit der nachträglich beantragten Aufstockung eines Gebäudes, die ebenfalls vor der Denkmalerfassung im Mai 2018 fertiggestellt war. Die nachträglich beantragte Aufstockung musste nach Hessischer Bauordnung genehmigt werden.

Wegen der besonderen baukulturellen Bedeutung der Siedlung für die documenta Stadt Kassel wurden von Beginn an die Vorsitzenden des Denkmal- und des Gestaltbeirats, Prof. Alexander Reichel und Matthias Foitzik, in die Beratungen über den Umgang mit den baulichen Veränderungen mit einbezogen. Als Vertreterin der renommierten Architektinnen und Architekten, deren Urheberrecht von den Veränderungen betroffen ist, war Prof. Inken Baller (Berlin) ebenfalls mit vor Ort.

Matthias Foitzik, Vorsitzender des Gestaltbeirats der Stadt Kassel, erläutert: „Die „Wohnschlange“ der documenta urbana ist - so wie die gesamte Anlage - ein städtebaulich und architektonisch herausragendes Beispiel seiner Zeit und kann auch fast 40 Jahre nach seiner Fertigstellung noch als richtungsweisend und vorbildhaft gelten - insbesondere in der aktuellen Diskussion zu zeitgemäßen Wohnformen. Dass ein Gebäudekomplex aus Anfang der 80er Jahre energetisch saniert werden muss, steht außer Frage. Dies rechtfertigt jedoch in keiner Weise die vorgenommenen Umbauten und Eingriffe in die Fassadengestaltung, bei der viele der speziell für diese Projekte entwickelten und gestaltprägenden Elemente durch unpassende Standard-Details und „Investorenkitsch“ ersetzt wurden. Bei einer Wohnanlage dieser Bedeutung und Qualität hätten unbedingt die Eingriffe in Abstimmung mit den Urhebern erfolgen müssen. Dass eine energetische Sanierung durchaus im Einklang mit der ursprünglichen Architektursprache möglich ist, zeigt eine etwas ältere Maßnahme im östlichen Teil der Wohnschlange. Der angerichtete Schaden an diesem international anerkannten und vielfach veröffentlichtem und besuchtem Gebäudeensemble ist leider auch ein Imageschaden für Kassel.“

Prof. Alexander Reichel, Vorsitzender des Denkmalbeirats der Stadt Kassel, betont: „Dieser Fall zeigt, wie wichtig es ist, alle

Beteiligten, von den Architekten über die Bauverwaltung bis hin zu den Bürgerinnen und Bürgern, für schützenswerte Architektur und Städtebau zu sensibilisieren, damit diese auch erhalten bleibt. Und es zeigt vor allem die Notwendigkeit eines aufmerksamen Denkmalschutzes.“

In der Konsequenz des unbefriedigenden Ergebnisses des gesamten Vorgangs fordert Christof Nolda zu einer intensiveren Auseinandersetzung über die Fragestellungen energetischer Sanierung im Einklang mit baukulturellen Werten auf: „Insbesondere weil wir uns seit einigen Jahren mit breitem Engagement aus Fachöffentlichkeit und Gesellschaft intensiv um das baukulturelle Verständnis in Kassel bemühen, ist es sehr schmerzhaft, dass dieser massive Eingriff nicht verhindert werden konnte. Energetische Sanierung und Modernisierung, die wir uns im Sinne von Klimaschutz und Wohnqualität wünschen, muss nicht im Widerspruch zu qualitätvoller Architektur stehen. Es geht um den respektvollen Umgang mit dem Bestand und um daraus zu entwickelnde gute Lösungen.“

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