In unserer Dauerausstellung laden wir Sie ein zu einer Zeitreise durch die Geschichte Kassels. Schritt für Schritt begegnen Sie eindrucksvollen Zeugnissen vergangener Epochen und erfahren, wie Kassel zu dem wurde, was es heute ist.
Erdgeschoss - Die Residenzstadt Kassel
Im Erdgeschoss zeigt sich zunächst die dynamische Entwicklung der Stadt von der ersten Erwähnung im Jahr 913 bis hin zur Glanzzeit der Residenzstadt im 18. Jahrhundert.
Die Stadt im 16. Jahrhundert
Der älteste erhaltene Stadtplan von Kassel stammt aus dem Jahr 1547 und wurde von dem Hofmaler Michael Müller angefertigt. Für die Ausstellung wurde der Plan animiert. Aus der Vogelperspektive blicken wir auf die Stadt und sehen markante Gebäude wie die Martinskirche. Die breiten Gräben und hohen Schutzwälle vor der mittelalterlichen Stadtmauer wurden von Landgraf Philipp (1504-1567) angelegt, um die Stadt vor Angriffen zu schützen. Um diese Zeit lebten in Kassel rund 5.000 Menschen; die Stadt bestand aus drei Stadtteilen: Altstadt, Neustadt (später: Unterneustadt) und Freiheit.
Fachwerk-Architektur in Kassel
Das Modell eines Fachwerkhauses veranschaulicht eine typische Fachwerkbauweise, die im spätmittelalterlichen Kassel weit verbreitet war. Der Fachwerkbau war von der Antike bis in das 19. Jahrhundert eine der vorherrschenden Bauweisen in Mitteleuropa. Als im 20. Jahrhundert die Bevölkerungsdichte in Kassel rasant anstieg und Wohnraum knapp wurde, zeigten sich in der Altstadt die Nachteile der engen Bebauung: Enge Hinterhöfe und schmale Gassen ließen kaum Tageslicht in die Wohnungen, die hygienischen Bedingungen waren katastrophal und insbesondere ärmere Menschen mussten auf engstem Raum leben.
Die Landgrafen
Von 1277 an war Kassel fast 600 Jahre lang Residenzstadt der Landgrafen von Hessen, seit 1568 von Hessen-Kassel. Wie stark die Fürsten in das Leben der Menschen eingriffen, zeigt die „Sammlung Fürstlich Hessischer Landesordnungen“ von Landgraf Friedrich II. (1720 – 1785): Mit Gesetzen und Verordnungen wurde das Leben bis ins kleinste Detail geregelt. Unter der Regentschaft der Landgrafen erlebte Kassel tiefgreifende kulturelle Veränderungen – so führte Philipp I. (1504 – 1567), genannt der Großmütige, die Reformation in Hessen ein.
Kassel im Jahr 1766
Bitte begeben Sie sich nun zu dem großen Modell, das die Stadt Kassel im Jahr 1766 zeigt. In diesem Jahr begann Landgraf Friedrich II. (1720 – 1785) mit der umfassenden Umgestaltung der Residenzstadt. 1767 ließ er beispielsweise die Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert und die Befestigungsanlage abschleifen. Dadurch konnte die Oberneustadt links im Modell, die 1688 von Landgraf Karl (1654 – 1730) für die hugenottischen Geflüchteten angelegt worden war, mit der Altstadt verbunden werden.
Der Friedrichsplatz und das Fridericianum
Gegenüber sehen Sie ein Modell des Friedrichsplatzes. Hier wird der große kulturelle Einfluss der hugenottischen Glaubensflüchtlinge sichtbar. Landgraf Karl holte die aufgrund ihres Glaubens in Frankreich verfolgten Protestantinnen und Protestanten als einer der ersten deutschen Fürsten zur Ansiedlung in sein Land. Die hugenottische Architektenfamilie du Ry war über drei Generationen hinweg für die Landgrafen als Hofbaumeister tätig. Unter der Leitung des Architekten Simon Louis du Ry (1726 – 1799) entstand das Fridericianum und auch der Friedrichsplatz, der in seiner Anlage und Gestaltung bis heute charakteristisch für das Stadtbild ist.
Kunsthandwerk in Kassel
Seit dem Mittelalter waren Handwerker in Kassel in Zünften organisiert. Zünfte sollten ihren Mitgliedern die Ausübung ihres Gewerbes sowie ausreichende Einkünfte garantieren. Mit dem Aufkommen des Merkantilismus, einer staatlich regulierten Wirtschaftsform, entstanden schließlich auch in Kassel Manufakturen. Im Gegensatz zu den Zünften arbeiteten in den Manufakturen unterschiedliche Berufsgruppen zusammen. Somit konnten verschiedenste Produkte an einem Ort und in größeren Mengen hergestellt werden. Mit exportfähigen Produkten konnten Steuereinnahmen erzielt und das Wirtschaftswachstum gefördert werden, um die Residenzstadt Kassel finanziell unabhängiger und stabiler zu machen.
1. Obergeschoss - Der Aufstieg des Bürgertums
Im ersten Obergeschoss steht die wechselvolle Geschichte des Kasseler Bürgertums im Mittelpunkt. Im 18./19. Jahrhundert entwickelte sich unter dem Einfluss der Französischen Revolution (1789) und dem Königreich Westphalen innerhalb der Kasseler Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein. Schließlich erfolgte mit der Industriellen Revolution ein tiefgreifender Strukturwandel, der nahezu alle Lebensbereiche betraf.
Kassel unter Jérôme, König von Westphalen
1807 schuf der französische Kaiser Napoleon (1769 – 1821) das Königreich Westphalen, das von 1807 bis 1813 existierte. Zur Hauptstadt des neuen Reiches, das von seinem jüngsten Bruder, König Jérôme (1784 – 1860), regiert wurde, ernannte er Kassel. In dem „Modellstaat“ sollten die zentralen Ideen der Französischen Revolution umgesetzt werden. So garantierte – erstmals auf deutschem Boden – eine Verfassung den Menschen Gleichheit vor dem Gesetz und Religionsfreiheit. Die Verwaltung sowie das Sozialwesen wurden modernisiert, und die Grundsteuer musste nun auch von adeligen Grundherren bezahlt werden. Im Gegensatz dazu stand die prunkvolle Hofhaltung König Jérômes, die ihm seitens der Kasseler Bevölkerung den spöttischen Beinamen „König Lustig“ einbrachte.
Die Kasseler Bürgerbewegung
Das Ende der französischen Fremdherrschaft 1813 und die Rückkehr Kurfürst Wilhelms I. (1743 – 1821) aus dem Exil machten die vorangegangenen Erneuerungen zunichte. Der rückwärtsgewandte Kurfürst war strikt gegen ein politisches Selbstbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. Doch das erstarkte Bürgertum trat dem nachfolgenden Kurfürsten Wilhelm II. (1777 – 1847) selbstbewusst entgegen – mit der Überreichung einer Bittschrift für die Umsetzung einer liberalen Verfassung für das Kurfürstentum. Zudem nahmen sie die Forderung von Wissenschaft und Kunst selbst in die Hand, leisteten wichtige Pionierarbeit auf dem Gebiet der Technik und kurbelten die Wirtschaft an.
Kassel im 19. Jahrhundert
Die überdimensionale „Wandzeitung“ zeigt mit Originalen, überlieferten Zeitungsannoncen und auf historischen Begebenheiten basierenden fiktiven Zeitungsartikeln prägende Ereignisse der Kasseler Geschichte im 19. Jahrhundert. So dokumentiert ein Aquarell die deutsch-russische Waffenbrüderschaft und die Befreiung Kassels von der französischen Herrschaft. Die deutsch-russische Koalition war eine Reaktion auf die territorialen Bestrebungen Frankreichs in Mitteleuropa. Schließlich waren es russische Soldaten, die weite Teile Deutschlands von der französischen Besatzung befreien konnten – so auch im September 1813 Kassel, sodass Kurfürst Wilhelm I. nach sieben Jahren Exil in seine Residenz zurückkehren konnte.
Jüdisches Leben im 18. und 19. Jahrhundert
Begeben Sie sich nun zum sechsten Rahmen. Die strengen Auflagen früherer Judenverordnungen wurden im 18. Jahrhundert gelockert. Das jüdische Kulturleben war jedoch auf die entlegenen Landgemeinden beschränkt. Dies änderte sich erst im Jahr 1808, als die französische Regierung ein Gesetz zur Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung erließ. Erstmals besaßen Jüdinnen und Juden Bürgerrechte. Die zuvor zwingende Zahlung eines Schutzgeldes und die Einschränkungen der Berufsfreiheit wurden aufgehoben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die liberale jüdische Gemeinde Kassels stetig an – jüdische Bürger konnten nun öffentliche Ämter ausüben, führten wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen und machten sich vor allem in der Textilindustrie einen Namen.
Stadterweiterung
Nach der Annexion (erzwungenen Eingliederung) Kurhessens durch Preußen 1866 wurde Kassel als Hauptstadt der neu geschaffenen Provinz Hessen-Nassau zum Sitz zahlreicher Behörden. Neben neuen Staats- und Regierungsgebäuden entstand mit dem Hohenzollernviertel ein neuer Stadtteil im Westen der Stadt. Die Gründung des Hohenzollernviertels (heute Vorderer Westen) erfolgte durch Sigmund Aschrott (1826 – 1915), einem deutsch‐jüdischen Kaufmann, der den Bau von Straßen‐ und Platzanlagen, Kanalisation sowie die Begrünung entscheidend vorantrieb. 1899 erfolgte Kassels Zusammenschluss mit dem Dorf Wehlheiden, und 1906 wurden die Industrievororte Rothenditmold und Bettenhausen eingemeindet.
Kassel wird Großstadt
Wenn Sie sich nun wieder der „Wandzeitung“ zuwenden und sich zum letzten großen Gemälde begeben, sehen Sie Kassel als Großstadt. Die Stadt hat sich deutlich vergrößert: Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wurde sie mit 100.000 Einwohnenden zur Großstadt. Der rasante Anstieg der Bevölkerungsdichte und die Zunahme an städtebaulichen Veränderungen standen in engem Zusammenhang mit der Industrialisierung Kassels. In der Stadt siedelten sich immer mehr Unternehmen an, zum Beispiel die Firma Henschel und die Firma Credé, die sich zunächst auf Lokomotiven und Eisenbahnwaggons spezialisierten. Ein ebenso wichtiger Bestandteil war die Textilherstellung, die über 100 Jahre lang ein wesentliches Standbein der Kasseler Wirtschaft war.
2. Obergeschoss - Krieg und Frieden
Zwei Weltkriege, ein Kalter Krieg, fünf verschiedene politische Systeme – das 20. Jahrhundert in Deutschland war von tiefgreifenden Veränderungen geprägt, die auch in Kassel sichtbar waren. Im dritten Teil der Ausstellung wird Ihnen dies eindrücklich vor Augen geführt: Thematisiert werden die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918), das Ende der Monarchie und die Gründung der Weimarer Republik (1919 – 1933). Es folgt die nationalsozialistische Diktatur (1933 – 1945) unter Adolf Hitler (1889 – 1945) mit der systematischen Verfolgung und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden sowie Menschen anderer Gruppen und einer aggressiven Expansionspolitik, die zum Zweiten Weltkrieg führte. Abschließend wird auf dieser Etage die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau sowie das Ende der deutschen Teilung 1989 dargestellt.
Einbauküche aus der Rothenbergsiedlung
Während der Industriellen Revolution spaltete sich die Gesellschaft in zwei Klassen: das wohlhabende Bürgertum und die lohnabhängige Arbeiterschaft. Bezahlbarer und lebenswerter Wohnraum für Arbeiterinnen und Arbeiter war in Kassel praktisch nicht vorhanden, sodass viele von ihnen in der Altstadt unter unwürdigen Bedingungen leben mussten. Mit dem Bau der Rothenbergsiedlung (1929 – 1931) im Stadtteil Rothenditmold wollte man diesem Missstand entgegenwirken. Die Siedlung nach Plänen des Architekten Otto Haesler (1880 – 1962) war ein modernes Wohnungsbauprojekt im Sinne des sogenannten „Neuen Bauens“. Durch genormte, industriell und damit preisgünstig produzierte Bauelemente konnte den Bewohnenden ein Leben in einem gesunden Umfeld mit preisgünstigen Wohnungen ermöglicht werden.
Philipp Scheidemann – ein Kasseler wird Reichskanzler
Philipp Scheidemann (1865 – 1939) wurde in Kassel geboren und wuchs in der Altstadt auf. Ab 1903 war der Sozialdemokrat Mitglied des Berliner Reichstags und hatte ab 1906 ein Mandat als Kasseler Stadtverordneter. In einer flammenden Rede wandte sich Scheidemann am 9. November 1918 vom Fenster der Reichskanzlei in Berlin an eine gespannte Menschenmenge und rief die „Deutsche Republik“ aus. Im Januar 1919 wurde Scheidemann in die Nationalversammlung gewählt und von Reichspräsident Friedrich Ebert (1871 – 1925) mit der Bildung des Kabinetts beauftragt. Damit wurde er der erste Reichskanzler der Weimarer Republik. Im Juni 1919 trat er von seinem Amt zurück, da er sich weigerte, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen. Von 1920 bis 1925 war er Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Kassel, musste 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen und starb 1939 im Exil in Kopenhagen. Scheidemann gilt bis heute als einer der herausragendsten Vertreter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).
Ausgrenzung und Unterdrückung
Ab März 1933 initiierten die Nationalsozialisten immer wieder Boykotte und gewältige Übergriffe gegen jüdische Personen, Gewerkschaftler und politisch Andersdenkende. Am 1. April 1933 fand ein reichsweiter „Boykott-Aktionstag gegen Juden“ statt. Aus diesem Anlass errichteten nationalsozialistische Funktionäre auf dem Opernplatz vor dem jüdischen Kaufhaus Tietz einen Stacheldraht-Verschlag mit einem Esel darin – ein symbolisches „Konzentrationslager für widerspenstige Staatsbürger, die ihre Einkäufe bei Juden tätigen“. 1939 radikalisierte das nationalsozialistische Regime seine antisemitische Politik: Jüdische Menschen wurden gezwungen, ihre Rundfunkgeräte und Wertgegenstände abzuliefern und sich an besondere Ausgangssperren zu halten, ab September 1941 mussten sie den „Gelben Stern“ tragen. Insgesamt wurden in den Jahren 1941 und 1942 vom Kasseler Hauptbahnhof aus in drei Deportationen 2.500 jüdische Menschen aus Nordhessen in die Konzentrations- und Vernichtungslager Riga, Lublin-Majdanek sowie Sobibor deportiert.
Die Luftangriffe auf Kassel
Schauen Sie sich die Vitrine gegenüber dem Modell der zerstörten Stadt an. Seit seiner Ernennung zum Reichskanzler 1933 plante Adolf Hitler einen Krieg um neue Gebiete zur Erweiterung des Deutschen Reichs. Am 1. September 1939 setzte Hitler mit dem Überfall auf Polen seinen Plan in die Tat um – der Zweite Weltkrieg begann. In den folgenden Jahren wurden von der deutschen Wehrmacht weitere Länder angegriffen und besetzt. Ab 1942 kämpfte die Wehrmacht gegen ein Bündnis der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion, später auch Frankreichs – die Alliierten. Sie griffen von allen Seiten an und führten ab Frühsommer 1943 Luftangriffe auf deutsche Städte bei Tag und Nacht durch. Ein besonderes Zeugnis von den Luftangriffen auf Kassel stellt das Fragment einer Kellertür dar, die einst zum Haus Stiegelwiesen 3 gehörte. Während der Bombardierungen diente der Keller als Zuflucht. Menschen, die dort Schutz suchten, hielten neben ihren Namen die Daten einzelner Bombardierungen, die Verweildauer im Keller und Eindrücke von den Angriffen auf der Tür fest. Zu lesen ist zum Beispiel: „22.10.43 Kassel vollständig zerstört“. Wie ein Fazit steht rechts unten: „Am 5. Mai 1945 kapituliert Deutschland“.
Modell der zerstörten Stadt Kassel
Das Modell zeigt die zerstörte Stadt Kassel im Mai 1945. Der schwerste Luftangriff auf Kassel erfolgte am 22. Oktober 1943. Etwa 20 Minuten lang dauerte der Angriff der britischen Royal Air Force, danach war die Innenstadt Kassels fast vollständig zerstört. 486 viermotorige Bomber erreichten die Stadt; die abgeworfenen Luftminen, Spreng- und Brandbomben entfachten in der Altstadt einen Flächenbrand. Die Zahl der Bombenopfer in dieser Nacht wird auf etwa 10.000 geschätzt. Das Modell zeigt nicht nur die Zerstörungen durch Luftangriffe, sondern auch Sprengungen, die von den Nationalsozialisten nach den Bombenangriffen vorgenommen worden waren, um die Stadt als „Gauhauptstadt“ wiederaufzubauen.
Die Nachkriegszeit
Der Zweite Weltkrieg endete für Deutschland am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Zwar bedeutete dies für die Kasseler Bevölkerung das Ende eines Lebens in ständiger Angst vor Bombenangriffen, doch bestimmten Wohnungsnot, Hunger und Krankheit den Nachkriegsalltag der Überlebenden. In dieser Zeit waren es vor allem die Frauen und Kriegsgefangenen, die auch in Kassel mit der Beseitigung von Schutt und Trümmern begannen. Um neues Baumaterial zu gewinnen, reinigte man unzählige Ziegel, aus denen später die neue Stadt entstehen sollte. Über ein Jahrzehnt lang lebten die Menschen auf, in und mit den Trümmern.
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