Das Feinkonzept zeigt detailliert, welche Maßnahmen welche CO₂‐Einsparungen ermöglichen und liefert damit eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die politischen Gremien. Die Analyse macht deutlich: Die Stadt kann mit eigenen Projekten fast die Hälfte der 2023 verursachten Treibhausgasemissionen künftig vermeiden. Die übrigen Einsparungen hängen von Vorgaben anderer politischer Ebenen sowie von technologischen Entwicklungen ab.
Oberbürgermeister Sven Schoeller betont: „Kassel hat sich auf den Weg zur Klimaneutralität gemacht – und das Gutachten zeigt, dass wir in zentralen Feldern auf genau die richtigen Maßnahmen setzen, etwa im Wärmesektor mit dem Ausstieg aus der Kohle. Zugleich wird deutlich, wo weitere Verbesserungspotenziale liegen. Wir werden die begonnenen wirksamen Maßnahmen konsequent fortführen und für neue Projekte verlässliche Grundlagen schaffen.“
Feinkonzept konkretisiert und priorisiert Einzelmaßnahmen
Das zuvor erarbeitete Grobkonzept hatte skizziert, wie Klimaneutralität für Kassel erreichbar ist, wenn frühzeitig und entschlossen gehandelt wird. Es lieferte erste Szenarien sowie Hinweise auf besonders relevante Bereiche wie den Ausbau von Wärmenetzen, Wind‐ und Solarenergie und die Reduktion des Pkw‐Verkehrs.
Stadtklimarätin Simone Fedderke erläutert: „Das Feinkonzept baut auf der Klimaschutzstrategie und dem Grobkonzept auf und übersetzt die strategischen Aussagen in einen konkreten Fahrplan. Es bewertet Klimaschutzprojekte nach Treibhausgaswirkung, Zeithorizont und Umsetzbarkeit – und schafft damit eine fundierte Grundlage für Prioritäten.“
Der Klimafahrplan wurde vom Klimaschutzspezialisten Ark Climate gemeinsam mit der PTV Transport Consult und dem Fraunhofer Institut für Bauphysik erarbeitet. Die Erstellung des Berichts erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, der KVV‐Gruppe (Kasseler Verkehrs‐ und Versorgungs‐GmbH und Tochterunternehmen) und unter der Einbindung der Themenwerkstätten des Klimaschutzrates. Auf Anregung der Themenwerkstätten unterscheiden die Gutachter im Feinkonzept zwischen einer Trendentwicklung, die beispielsweise durch Technologiewandel und bundesgesetzliche Vorgaben entsteht, und den zusätzlichen Effekten von Vorhaben der Stadt.
Kohleausstieg und Fernwärme‐Ausbau reduzieren ein Viertel der wärmebedingten Treibhausgase
Besonders große Wirkung haben laut Feinkonzept die laufenden Projekte in der Wärmeversorgung – der Ausstieg aus der Kohle, der Ausbau des Fernwärmenetzes und die Modernisierung des Müllheizkraftwerks. Allein diese drei Vorhaben könnten rund ein Viertel der wärmebedingten Emissionen einsparen und wesentlich dazu beitragen, die städtischen Treibhausgasemissionen bereits bis 2028 um die Hälfte zu reduzieren.
Carsten Harkner, Vorstandsvorsitzender der Städtischen Werke und Geschäftsführer der KVV, ordnet die ambitionierten Vorhaben der KVV‐Gruppe ein: „Wir sind mit dem technisch anspruchsvollen Ausstieg aus der Kohle bereits weit fortgeschritten. Anfang dieses Jahres haben wir unseren Transformationsplan Fernwärme zur weiteren Dekarbonisierung unserer Kraftwerke und zum Ausbau der Fernwärme vorgelegt. Damit werden wir demnächst überwiegend klimafreundlich Wärme und Strom produzieren. Zudem beabsichtigen wir den Anteil der an die Fernwärme angeschlossenen Haushalte auf rund 40 Prozent zu verdoppeln. Auf der Webseite der Städtischen Werke bieten wir unseren Kundinnen und Kunden seit kurzem einen Fernwärme‐Verfügbarkeitscheck an. Der Klimafahrplan bestätigt noch einmal, dass wir die richtigen Prioritäten setzen und mit der Umsetzung unserer Nachhaltigkeitsstrategie bereits heute entscheidend zur Energie‐, Wärme‐ und Mobilitätswende in Kassel beitragen.“
Voraussetzung für die Einsparungen im Wärmebereich ist ein stabiler energiepolitischer Rahmen – das Gutachten wurde auf der Annahme erstellt, dass insbesondere die Vorgabe des Gebäudeenergiegesetzes weiterhin gilt, dass neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden (nach Beschluss des Gebäudemodernisierungsgesetzes im Juli 2026 ist dies jedoch nicht mehr der Fall). Zudem sollte die Stadt Haushalte und Unternehmen weiterhin mit umfassenden Beratungs‐ und Förderprogrammen beim Heizungstausch und bei energetischen Sanierungen unterstützen.
Klimaneutrale Stromversorgung bis 2030
Im Stromsektor leistet der Bau von Wind‐ und Solarparks – insbesondere außerhalb des Stadtgebiets – den größten Beitrag. Ergänzt wird dies durch lokale Photovoltaik‐Förderung und Beratungsprogramme für private Haushalte. Bereits ab 2030 kann Kassel damit seinen Strombedarf bilanziell aus 100 Prozent erneuerbaren Energien decken. Aus Sicht der Studienautoren ist es dazu unerlässlich, dass die Stadt in Kooperation mit den fünf nordhessischen Landkreisen die vorhandenen Potenziale für Wind‐ und Solarenergie in der Region gemeinsam erschließt.
Großer Handlungsbedarf im Verkehr
Besonderen Handlungsbedarf sehen die Autoren des Gutachtens im Verkehr. Rund 80 Prozent der verkehrsbedingten Treibhausgase werden demnach durch die Umstellung der Fahrzeugflotten auf E‐Antriebe eingespart, was durch städtische Maßnahmen wie den Ausbau der Ladeinfrastruktur begleitet werden muss. Eine Streichung des Verbrenner‐Aus würde die Umstellung auf E‐Antriebe und damit die Klimaneutralität im Verkehrssektor deutlich verzögern. Darüber hinaus bewerten die Gutachter die Einführung einer City‐Maut sowie einer Nullemissionszone und eine deutliche Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung als entscheidend für die langfristige Zielerreichung.
Ihre Wirkung entfalten diese Vorhaben nur, wenn sie von einem ehrgeizigen Ausbau des ÖPNV und einer Förderung des Radverkehrs flankiert werden. Da kommunale Handlungsspielräume begrenzt sind, empfiehlt das Gutachten, dass die Stadt sich beim Bund und Land für erweiterte rechtliche Kompetenzen einsetzt.
Stadtklimarätin und Verkehrsdezernentin Simone Fedderke unterstreicht: „Gerade im Verkehr entscheidet sich, ob wir unsere Klimaziele in Kassel schaffen. Wir wollen den Menschen gute Alternativen zum Auto bieten – mit einem starken Nahverkehr, sicheren Radwegen und einer Stadt, in der man gern zu Fuß unterwegs ist. Dazu brauchen wir aber nicht nur entsprechende Entscheidungen vor Ort, sondern auch verlässliche Unterstützung von Bund und Land“.
Kommunale Klimaneutralität braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Der Zwischenstand des Feinkonzepts basiert noch auf den bis Juni 2026 geltenden Rahmenbedingungen auf Bundes‐ und EU‐Ebene (Öffnet in einem neuen Tab) [EU]. Aktuelle politische Kurswechsel – wie die angekündigte Streichung des Verbrenner‐Aus ab 2035 – bildet es noch nicht ab. Solche Änderungen erschweren die kommunalen Klimaschutzbemühungen spürbar und würden den Weg zur Klimaneutralität deutlich verlängern.
Oberbürgermeister Sven Schoeller fasst zusammen: „Klimaneutralität gelingt nur, wenn Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen. Städte wie Kassel können viel bewegen – aber nur, wenn die Spielregeln verlässlich sind. Werden Vorgaben wie das Verbrenner‐Aus, das Gebäudeenergiegesetz oder das Wärmeplanungsgesetz aufgeweicht, verlieren wir wichtige Hebel für klimafreundliche Wärme und Mobilität und gefährden bereits erreichte Fortschritte. Deshalb setzen wir uns auf allen Ebenen für einen verlässlichen, ambitionierten und kommunalfreundlichen Rahmen ein.“