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KISS Interview: Tinnitus Selbsthilfegruppe

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2018

„Ich bin dankbar für den Tinnitus“
Helga Zitzmann leitet seit 20 Jahren die Tinnitus-Gruppe und hat sich stetig weiterentwickelt

Wenn Helga Zitzmann heute von der Ursache ihres Tinnitus erzählt, klingt es ein wenig so, als wäre das nicht wirklich wichtig. Mehr noch, im Gespräch mit ihr fallen Sätze wie: „Ich bin dankbar für den Tinnitus“ und sie fragt sich manchmal, was aus ihr geworden wäre ohne all das, was sie aufgrund ihres Tinnitus gemacht und gelernt hat. Sicher hätte sie keine 20 Jahre die Kasseler Selbsthilfegruppe geleitet und wäre auch keine Beraterin der Tinnitus-Liga geworden.

Begonnen hat alles 1992 mit einem Autounfall und einem Schleudertrauma. Ein viertel Jahr später kam ein Hörsturz dazu und 1993 stellten sich die permanenten Ohrgeräusche bei ihr ein. „Am Anfang war das furchtbar“, erzählt sie. Tag und Nacht hatte sie den Walkman ihres Sohnes mit Entspannungsmusik im Ohr. Sogar Selbstmordgedanken plagten sie. Bis ins Jahr 2000 folgten mehrere Hörstürze. Die Erzählung ihrer persönlichen Erfahrungen ergänzt sie im Gespräch ganz selbstverständlich immer wieder mit dem allgemeinen Wissen über Tinnitus, das sie sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre angeeignet hat.

Sensible Menschen betroffen
Häufig trete Tinnitus bei sensiblen Menschen auf, die schlecht Nein sagen könnten, sich überforderten und denen die Ohrgeräusche etwas sagen wollten. Sie hat ein anschauliches Beispiel parat. „Jeder hat einen Behälter in sich, der nach und nach gefüllt wird. Manche von denen, die ihn zwischendurch nicht leeren, bekommen Tinnitus.“. Als sie erläutert, wie Tinnitus zustande kommt, geht eine Hand an die Ohren. Helga Zitzmanns Hände untermalen häufig das Gesagte. Nicht mit großen Gesten, sondern mit kleinen, passenden. Sie verharrt im Gespräch auch nie lange beim Negativen. Wichtiger ist ihr das, was hilft und was ihr geholfen hat.

Irgendwann beschloss sie, den Ohrgeräuschen keine Macht mehr über ihr Leben einzuräumen. In der ersten Reha 1993 lernte sie, ihre Aufmerksamkeit umzulenken auf die kleinen, positiven Dinge. Den blühenden Rhododendron zum Beispiel. Oder das Zwitschern der Vögel. 1994 kam sie zur Selbsthilfe. Ein Schritt mit Folgen. „Das Verständnis untereinander war und ist für mich das Wichtigste.“ Sie kam sich glaubwürdig vor und fühlte sich ernst genommen. Denn in der Gruppe sagte niemand „So schlimm kann das doch nicht sein, stell dich nicht so an.“ Anfangs wunderte sie sich über jene, die schon so lange mit ihrem Tinnitus lebten. „Und jetzt habe ich ihn schon seit 25 Jahren“, sagt sie, als würde sie das selbst erstaunen.

Die Aufmerksamkeit umlenken
Ein Medikament gegen Tinnitus gibt es nicht. Die Betroffenen müssen lernen, damit umzugehen und ihre Aufmerksamkeit umzulenken. Das Wort „Aufmerksamkeitsumlenkung“ benutzt sie häufiger. Weil es so wichtig ist. Als sich die Selbsthilfegruppe auflöste, übernahm sie vor 20 Jahren die Gruppenleitung. „Es war ja kein anderer da.“ Damals allerdings „hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich so was kann.“ Ein Satz, der im Laufe des Gesprächs noch häufiger fällt.

Seit 2007 ist sie ehrenamtliche Beraterin der Tinnitus-Liga. „Ich fand die angebotenen Fortbildungs-Module dafür interessant und wissenswert.“ Anrufe von Betroffenen bekam sie als Leiterin der Gruppe sowieso häufiger. Jetzt berät sie ehrenamtlich einmal im Monat für die Liga Menschen am Telefon. Dafür erhielt sie spezielle Ausbildungen, die zu einem vertieften Verständnis über Tinnitus führten und ihr zusätzlich Sicherheit gaben. Sie lernte auch, ihre Grenzen zu erkennen und was am Telefon und in der Beratung wichtig ist: Zuhören, ruhig bleiben. Deutlich zu machen, dass es wieder besser wird. Sie profitiert noch immer von den jährlichen Treffen der ehrenamtlichen Gruppenleiter/innen der Tinnitus-Liga, von dem Austausch und der Feststellung, dass viele in der Leitung der Gruppe dieselben Probleme und Themen haben wie sie. Es tue gut, immer wieder etwas zu lernen, erzählt sie.

Selbstbewusster geworden
Neben der Gruppenleitung geht sie aber auch in die Öffentlichkeit, hält beispielsweise bei den Gesundheitstagen Vorträge für die Selbsthilfe. „Vor zwei Jahren habe ich einen Vortrag bei der Polizei gehalten“. Und dann kommt wieder der Satz. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“

Ja, natürlich habe sie sich verändert in diesen 25 Jahren, ist selbstbewusster geworden durch ihre Aktivitäten. Sie erlebte, dass sie das alles kann und hat gelernt, sich etwas zu trauen. Es bereicherte ihr Leben, anderen durch ihr Wissen und durch Verständnis weiterhelfen zu können. Menschen kennenzulernen und zu erleben, dass sie sagen: Mir geht es wieder gut, ihr habt mir geholfen. Das ehrenamtliche Engagement gab ihrem Leben eine Aufgabe. Und dem Tinnitus einen Sinn. Das Leben bekam mehr Qualität. Wodurch genau? Ihr Blick wendet sich ab, sie schaut aus dem Fenster und scheint nach Worten zu suchen. „Es ist gut, dass ich vieles weiß, viel gelernt habe. Ich habe mich weiterentwickelt und bin in der Entwicklung nicht stehen geblieben.“

Was sich die 70-Jährige wünscht? Persönlich, dass alles so weitergeht wie jetzt und natürlich Gesundheit. Für die Tinnitus-Selbsthilfegruppe einen Nachfolger. Sie hat einen Initiativkreis gegründet, ein Team aus vier Gruppenmitgliedern, die gemeinsam Entscheidungen treffen. Beispielsweise dazu, wie das 20-jähriges Bestehen gefeiert werden soll. Es soll nicht öffentlich und nicht allzu groß werden, man will sich vermutlich im Oktober in der Gruppe zusammensetzen. Dann wird sicher zum Tragen kommen, was Helga Zitzmann für die Gruppe wichtig war und ist: Wertschätzend miteinander umzugehen „und sich gegenseitig zu respektieren.“

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