Inhalt anspringen

KISS Interview: Stille Wasser

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2018

Du bist okay, so wie du bist
Die Gruppe „Stille Wasser“ bietet Menschen mit sozialen Ängsten einen geschützten Rahmen und ein Übungsfeld

Das gegenseitige Verständnis und das Gefühl, mit einer Krankheit oder einem Problem angenommen zu werden, empfinden viele Betroffene als wichtige positive Effekte der Selbsthilfe. Bei Menschen, die unter Schüchternheit und sozialen Ängsten leiden, ist diese Wirkung von Selbsthilfe besonders wichtig. Sie erfahren nur selten Wertschätzung in einer Welt, in der Kommunikation einen hohen Stellenwert hat und die eher auf die Lauten achtet als auf die Stillen. In der Gruppe „Stille Wasser“ werden Menschen mit ihrer Schüchternheit und ihren Ängsten wertgeschätzt und angenommen.

„Unsere Gruppe ist offen für alle Menschen mit sozialen Ängsten wie soziale Phobie und Schüchternheit“, erzählt Claudia Schröter, die die Gruppe „Stille Wasser“ als eine von zwei Ansprechpartnern leitet. Rund 20 Betroffene kommen mittlerweile zu den wöchentlichen Treffen, die große Gruppe teilt sich meist in zwei kleinere Gruppen auf. Claudia Schröter kennt soziale Ängste aus eigenem Erleben, seit sie unter sozialer Phobie leidet. „Selbst der Einkauf war zu viel“, erzählt sie. Die Gruppe wurde für sie – ebenso wie für die anderen Teilnehmenden – zum Sprungbrett, mit anderen Menschen zusammenzukommen.

Denn soziale Ängste führen schnell in die Isolation. Schüchterne und sozial ängstliche Menschen stehen oft am Rand, werden übersehen und ziehen sich automatisch zurück. Sie fühlen sich wertlos, halten sich für total uninteressant und befürchten, nicht zu genügen. Hinter ihrem Schweigen stecken in vielen Fällen massive Ängste. Dabei, sagt Claudia Schröter, sind es ihrer Meinung nach gerade die Stillen, die viel zu erzählen haben. Weil sie oft sensibel und gute Beobachter sind.

Wie gehe ich auf Menschen zu?
Wie man auf Menschen zugeht, gehört in der Gruppe zu einer der Hauptfragen. Wie kann ich meine Bedürfnisse äußern und komme überhaupt mit Menschen ins Gespräch? Wie funktioniert Small Talk und wie halte ich ein Gespräch aufrecht? Die Gruppe schafft ein angstfreies Klima und einen geschützten Raum für die Diskussion solcher Themen. Niemand muss etwas sagen, Schweigen ist erlaubt. Das entlastet, denn die Betroffen stehen im Alltag oft unter Druck, etwas sagen zu müssen. In der Gruppe werden sie akzeptiert, egal, wie schüchtern oder ängstlich sie sind. Die Botschaft lautet: Du bist okay, so wie du bist. Egal, ob es dir gerade gut oder schlecht geht. Claudia Schröter selbst erlebte in der Gruppe, dass die anderen Teilnehmenden ihr zuhörten und sie in guten und in schlechten Zeiten kommen konnte und akzeptiert wurde. Alle bemühen sich, Rücksicht aufeinander zu nehmen und sich in „Ich-Botschaften“ ohne Vorwürfe mitzuteilen. Ganz wichtig ist auch die Regel: Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt in der Gruppe.

100 Übungen für die Gruppe
Claudia Schröter hat ein Buch mitgebracht. „100 Übungen für die Selbsthilfegruppe bei Sozialphobie“. Übungen aus diesem Buch helfen dabei, Ängste zu überwinden. Drei Worte auf einen Zettel schreiben beispielsweise, den Zettel an jemand anderen weitergeben. Und nun soll jeder eine Geschichte erzählen, in der die erhaltenen drei Worte vorkommen. In einer anderen Übung geht es darum, was glücklich macht. Schwierig kann die gegenseitige Massage sein, die Berührung macht Angst. Schafft jemand etwas nicht, ist das völlig in Ordnung. Denn alle kennen solche Situationen. Höchstens fragt die Gruppe, welche Unterstützung jemand braucht, um die Aufgabe zu schaffen und sich zu trauen.

Claudia Schröter beispielsweise hat Angst vor Arztbesuchen. Sie weiß: Die Menschen aus der Gruppe bestärken sie im Vorfeld und machen ihr Mut, wenn sie dorthin muss. Wenn sie es möchte, geht jemand mit ihr. Hinterher rufen andere Gruppenmitglieder sogar an und fragen, wie es war und loben, wenn sie es geschafft hat. „Niemand wird in solchen Situationen alleine gelassen.“ Eine große Herausforderung nicht nur für Claudia Schröter war der Besuch des Zissel. Sie hatte eine Bezugsperson ,,die um meine Ängste wusste und mich an die Hand nahm, falls es nötig werden sollte.“ Das gab ihr Sicherheit und machte Mut, es zu versuchen. Nach solchen Aktivitäten redet die Gruppe darüber, wie es war und was der Einzelne empfunden hat und welche Unterstützung weiterhin nötig ist.

Selbstwertgefühl steigt
Wer eine Übung für die Gruppe vorbereitet hat, bekommt von Claudia Schröter ein Lob und ein Dankeschön dafür. Sie selbst ist stolz, wenn sie etwas geschafft hat. Die Anderen signalisieren ihr, dass sie etwas gut gemacht hat. Die positive Rückmeldung und der Zusammenhalt steigern das Selbstwertgefühl. Selbst Konflikte können in diesem wertschätzenden Klima angesprochen und gelöst werden.

Bedürfnisse der Anderen
Durch die Gruppe sind Freundschaften entstanden, die Betroffenen rufen sich an, wenn sie Probleme haben. Die Altersstruktur ist breit, sie geht von 20 bis 60 Jahren. Kurz vor dem Treffen der Gruppe kommt der zweite Ansprechpartner der Gruppe in den Raum, in dem das Gespräch mit Claudia Schröter stattfindet. Er setzt sich und hört eine Weile zu. Dann wird er gefragt, wie er Wertschätzung und Rücksicht hinbekommt. Er bemühe sich, anderen Menschen mit der Haltung gegenüberzutreten, ihr meint es gut und habt positive Absichten. Er fragt sich worum es den anderen wirklich geht und was ihre Bedürfnisse sind. Am Ende erlebt die Interviewerin selbst, wie die Gruppe wertschätzend funktioniert. Ob sie nicht auch Angst vor etwas habe? Denn fast alle Menschen kennen solche Situationen. „Loben Sie sich und seien Sie stolz, wenn Sie es trotzdem geschafft haben“, sagt Claudia Schröter und lächelt. Und, ja, solche Sätze tun einfach gut.

Mehr zur Gruppe finden Sie  hier

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass diese Seite Cookies verwendet.

Mehr Infos ...