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KISS Interview: Insider - Junge Selbsthilfe

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2019

Gemeinsam gegen einsam
Selbsthilfetreff für junge Leute bietet Begegnung, Gemeinschaft und Verständnis

Junge Menschen haben doch keine Probleme, Freunde und soziale Kontakte zu finden. Wer so denkt, irrt. Eine repräsentative Umfrage ergab 2017, dass Einsamkeit am stärksten junge Erwachsene betrifft: 17 Prozent der Befragten von 18 bis 29 Jahren fühlten sich ständig oder häufig einsam. Manche von ihnen haben es mit psychischen Problemen, innerer Leere, Einsamkeit oder Angst zu tun oder sie trauen sich einfach nicht unter Leute. Sie finden in dem Selbsthilfetreff für junge Leute Gleichgesinnte, mit denen sie über ihre Themen und Probleme reden oder gemeinsam etwas unternehmen können.


Die jungen Menschen sitzen im Selbsthilfetreffpunkt, am Beginn steht eine Blitzlicht-Runde. Sie berichten, wie ihre Woche war, wie sie zurechtgekommen sind und ob ihnen ein Thema besonders am Herzen liegt. Über dieses Thema tauschen sie sich anschließend aus. Sie erzählen, wie es ihnen damit ergangen ist. Sammeln manchmal zu einem Thema sogar Ideen, die auf Zettel geschrieben werden. Jeder und jede kann für sich entscheiden, ob sie mit einer der Ideen etwas anfangen kann oder sie ausprobieren möchte.


„Es geht bei uns aber nicht nur um Probleme“, erzählt der Gruppenleiter, „wir reden auch über Gott und die Welt“. Beispielsweise die Musikvorlieben, die jeder hat und es darf auch gelacht werden. Jammern steht nicht im Mittelpunkt. Die Gruppe traf sich Ende November 2018 zum ersten Mal. Der Gruppenleiter erfuhr über die facebook-Seite der KISS von dem Angebot und kam zum zweiten Treffen. Als nach einer Gruppenleitung gesucht wurde, meldete er sich gemeinsam mit einem anderen Mitglied, der sein Stellvertreter wurde. Mittlerweile hat sich ein fester Kern von sechs bis acht jungen Leuten zwischen 18 und 30 Jahren herauskristallisiert, die relativ regelmäßig kommen. Bis zu 12 Teilnehmende dürfen es werden.


Jobsuche ist schwierig
Manche von ihnen hatten mit psychischen Problemen wie Depressionen zu tun. Manche haben Angst, unter Menschen zu gehen oder zu versagen, der Selbstwert hat gelitten oder sie fühlen sich innerlich leer und einsam oder die Gefühle fahren bei ihnen Achterbahn. Die Jobsuche bringt für sie viele Herausforderungen mit sich, ein Großteil findet keine Arbeit oder Ausbildung. Sie sind oft alleine und müssen leere Tage mit eigenen Aktivitäten ausfüllen. „Wenn die Therapieangebote mal ausfallen, sitzt man womöglich die ganze Woche zu Hause“, schildert der Gruppenleiter, der selbst seit seiner Kindheit mit psychischen Problemen zu tun hatte. „Es war ein hartes Stück Arbeit, soweit zu kommen, wie ich heute bin“, sagt er. Er ist aufgeschlossen, offen und wirkt wie einer, mit dem man über alles reden kann.

Doch er weiß, was es heißt, schon als Jugendlicher einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Jemand der Krebs hatte, wird anders eingeschätzt als jemand, der depressiv ist oder andere psychische Probleme hat. Schnell landen Betroffene in einer Schublade, aus der nur schwer wieder herauszukommen ist. Andere junge Menschen verstehen sie und ihre Probleme nicht und wollen oft nichts davon hören. Betroffene finden nur schwer Anschluss, weder sozial noch in der Arbeitswelt. Einsamkeit und Leere werden kompensiert, beispielsweise mit Fernsehen oder Computerspielen. Aktivitäten, die manchmal auch zur Verdrängung genutzt werden.

Die Gruppe bietet Halt
Der Selbsthilfetreff bietet einen Halt. Allein das Wissen hilft, jede Woche am Donnerstag einen festen Termin und die Möglichkeit zur Begegnung und zum Reden zu haben. Man geht in die Gruppe und trifft sich mit Leuten. Mit Menschen, die das alles kennen, denen man nichts erklären muss und die einen nicht an den Pranger stellen oder in eine Schublade tun. „Es gehört ja auch Mut dazu, in die Gruppe zu kommen“, betont der Gruppenleiter. Es ist jedem freigestellt, ob er etwas sagen will. Geht es einem Teilnehmenden nicht gut oder bereitet ihm ein Thema der Gruppe Probleme, wird darauf eingegangen. „Wir gehen achtsam miteinander um“, erläutert der Gruppenleiter. Ernsthaft, wenn es nötig ist, aber auch mit Raum für lockere und zwanglose Atmosphäre.

Zukunft und Arbeit
Großen Raum nehmen bei den jungen Teilnehmenden die Fragen nach Zukunft und Arbeit ein. Wie kann es für mich in Zukunft weitergehen? Wie kann sich die Jobsuche gestalten, wie offen gehe ich mit meinen Problemen um und kann ich dem Druck in der Arbeitswelt standhalten? Neben den Gesprächen will der Gruppenleiter andere gemeinsame Unternehmungen ins Spiel bringen und klären, ob daran Interesse besteht. Sei es ein gemeinsamer Kinobesuch oder ein Treffen in der Kletterhalle zum Bouldern. Zum Schluss des Gesprächs erzählt er noch von dem kleinen T-Shirt-Aufdruck, den er für die Gruppe entworfen hat, der Leitspruch ist: Gemeinsam gegen einsam.

Mehr zur Gruppe finden Sie  hier

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