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KISS Interview: SHG - Angehörige von Menschen mit Psychose

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2019

Die Empathie füreinander ist groß
Angehörige von Menschen mit Psychose lernen voneinander und stärken sich gegenseitig

Wenn ein Familienmitglied an einer Psychose erkrankt, ist dies für die ganze Familie eine Belastung. Vor allem Eltern, deren Kinder erkranken, brauchen oft selbst Hilfe und Unterstützung. In einer Selbsthilfegruppe treffen die Angehörigen auf Gleichgesinnte. Neben Informationen stehen die eigenen Gefühle und der Umgang mit dem erkrankten Kind im Mittelpunkt. Vor allem das Verständnis der anderen tut gut.

Als ihr Sohn mit 17 plötzlich an einer Psychose erkrankte, geriet auch das Leben von Eva Andreae erst einmal aus den Fugen. „Das war ganz furchtbar“, sagt sie heute rückblickend. Der Sohn war ein anderer Mensch geworden, lebte in seiner eigenen Welt, hörte Stimmen und „war auf einem anderen Stern.“ Eine Ärztin diagnostizierte Schizophrenie bei ihm und sie musste die Frage der Mutter, ob das wieder weggehen kann, mit einem „Nein“ beantworten.

Die Mutter machte sich auf den Weg und setzte sich mit der Erkrankung des Sohnes auseinander. Sie besuchte psychoedukative Gruppen, in denen sie Verständnis für die Krankheit ihres Sohnes und den Umgang damit lernte. „Ich bin nach und nach reingewachsen“, erzählt sie. Heute akzeptiert sie die Krankheit und nimmt die Situation an. Der Sohn wohnt in seiner eigenen Wohnung, hat sein eigenes Leben, sie sehen sich zweimal die Woche und telefonieren auch.

Doch Eva Andreae suchte weiter nach Unterstützung und einer Gruppe von anderen Betroffenen. Der Weg führte sie zur KISS, wo sie ermutigt wurde, selbst eine Gruppe für Angehörige von Menschen mit Psychose zu gründen. „Das habe ich angepackt“, erzählt sie, wobei die KISS sie dabei tatkräftig unterstützt hat. Die Gruppe traf sich bereits vor anderthalb Jahren zum ersten Mal. Mittlerweile hat die Gruppengründerin 14 Mailanschriften von interessierten Eltern in ihrem Verteiler und ein Kern von sechs bis acht Betroffenen kommt zu den monatlichen Treffen.


Hoher Gesprächsbedarf
Von Anfang an gab es einen hohen Gesprächsbedarf. Meistens kommen die Mütter, häufig sind die Kinder an Schizophrenie erkrankt. Die jüngste Teilnehmerin ist 40 Jahre, die meisten sind älter. Mittlerweile haben sich Bindungen und viel Vertrauen entwickelt. Auch die Söhne und Töchter können in die Gruppe mitkommen, wenn sie das wollen. Die Gruppemitglieder tauschen Informationen aus. Über Betreuung oder Vormundschaften, Medikamente, Ärzte und die Rechte von Betroffenen und Angehörigen. Ganz wichtig ist die Geschichte jedes Angehörigen. Die Schwierigkeiten und Gefühle, die sie erlebten und durchmachten. Die Kraft, die die Erkrankung des Angehörigen gekostet hat. „Man teilt solche Erfahrungen gemeinsam miteinander.“ Weil die anderen diese Erfahrungen kennen, ist die Empathie füreinander groß, man lernt voneinander und stärkt sich gegenseitig. An Psychose erkrankte Menschen haben eine hohe Verletzbarkeit. Ihnen fehlt der Schutz ihrer Seele. Kritik, Feindseligkeit, emotionale Verstrickung vermehren das Rückfallrisiko schizophren Erkrankter. Verständnis gegenüber Erkrankten, eine Haltung von Gelassenheit, Gleichmut und Wärme beeinflusst die mitmenschliche Beziehung positiv und man findet leichter zu einer gemeinsamen Sprache.

Doch die Eltern treffen im Umfeld auf Unverständnis. Das Wissen über Psychosen ist gering, die Vorurteile sind groß, die Erkrankten gelten als „unberechenbar, gefährlich, träge, dumm oder unheilbar.“ Freunde können die Gefühle der Eltern oft nicht nachempfinden. Sie begegnen Vorurteilen, dass es ja wohl an der Erziehung liegen muss oder an der Familie. Das verstärkt die eigenen Schuldgefühle, manche Eltern ziehen sich als Folge davon zurück.


An das eigene Leben denken
Eva Andreae ist es gelungen, die Freundschaften zu erhalten. Sie lebt ihr eigenes Leben und geht ihren Hobbys nach und hat gelernt, auch mal loszulassen. Ihre Erfahrung ist, dass man als Angehörige auch an das eigene Leben denken muss. Sie hat sich mit einer anderen Mutter aus der Gruppe angefreundet. Gemeinsam haben sie bereits einen Spaziergang mit den Söhnen gemacht, sich zum Kaffee getroffen und unterstützen sich auch sonst. Solche Aktivitäten möchte die Gruppengründerin gerne auch für die Gruppe initiieren und so noch weitere Möglichkeiten der Begegnung eröffnen. Beispielsweise Spaziergänge gemeinsam mit den betroffenen Kindern, wenn diese das wollen. Denn es geht für die Angehörigen auch darum, Spaß und Freude am Leben wieder zu entdecken.

Information zu Psychosen
Unter dem Begriff Psychose versteht man eine ganze Gruppe von Erkrankungen, die sehr umfassend das Denken und Fühlen, die Wahrnehmung, den Antrieb und Willen sowie das Erleben einer Person beeinflussen und verändern. Erkrankte Menschen haben häufig Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen, subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Das kann dazu führen, dass sie Stimmen hören, die andere nicht hören, dass sie sich verfolgt oder bedroht fühlen, dass sie Botschaften aus einer Welt erhalten, die anderen nicht zugänglich ist. Für Außenstehende lässt sich die Psychose am ehesten als ein Zustand extremer Dünnhäutigkeit beschreiben. Der Begriff ‚Psychose‘ wird heute als eine Art Überbegriff für verschiedene psychische Erkrankungen benutzt, bei denen Halluzinationen oder Wahn zu den auffälligsten Krankheitsanzeichen gehören. In der akuten Psychose sind die Betroffenen oft nur schwer zugänglich, sie leben in ihrer eigenen Welt. Die Patienten leiden dann meist sehr, sind sich aber in der Regel ihrer Erkrankung nicht bewusst. Bei einer Psychose ist es wichtig, bereits frühe Warnzeichen aufmerksam wahrzunehmen und professionelle Hilfe zu suchen.
Quellen: betanet.de, psychiatrienetz

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