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KISS Interview: Bipolar, Angehörigenselbsthilfegruppe

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2020

Von Experten in der Gruppe lernen
Angehörige von bipolar Erkrankten wollen Verständnis für sich und Betroffene erweitern

Erkrankt ein nahestehender Angehöriger oder der Partner an einer bipolaren Störung – früher ma­nisch-depressiv genannt – ist nichts mehr so, wie es vorher war. Die Angehörigen stehen vor einer neu­en und schwierigen Situation. Die Selbsthilfegruppe hilft ihnen dabei, mit dieser Situation umzugehen. Die Gruppe hat extra einen Erkrankten sowie einen Arzt eingeladen, um den eigenen Blickwinkel zu erweitern.

„Es ist ein riesiger Einschnitt“, sagt der Gruppenleiter, dessen Frau seit zehn Jahren an einer bipolaren Störung erkrankt ist. Anfangs suchte er nach Antworten und glaubte an eine einfache Lösung. Doch die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich und so „muss jeder für sich den richtigen Weg finden.“ Ein Lernprozess, der von den verschiedensten Emotio­nen begleitet wird. Häufig kommen Schuldgefühle auf. Eigene, aber auch durch Schuldzuweisungen vom Er­krankten. Es kommt zu Grenzüber­schreitungen und Streit. In der Grup­pe wurde beispielsweise häufig von höheren Geldausgaben berichtet, die ohne Rücksprache mit Partner oder Eltern gemacht wurden. Damit wird das Vertrauen zum Partner in Bezug auf Geldfragen zerstört. Man muss aus Verantwortung für sich selbst handeln, für den Erkrankten zu han­deln ist rechtlich äußerst schwierig beziehungsweise fast unmöglich.

Zu wenig Hilfe für Angehörige
Ursula, deren Sohn betroffen ist, kennt die Gefühle. „Man fühlt sich oft so hilflos“, sagt sie. Besonders die erste Zeit war schlimm für sie. Ihr Sohn nahm in der depressiven Phase seine Tabletten nicht und griff zum Alkohol. „Es gibt kaum jeman­den, mit dem man offen über die eigenen Probleme reden kann und so steht man vielem allein gegenüber“. Bekannte meinten „der muss sich einfach nur zusammenreißen.“ Hilfreich empfand sie die Bemerkung einer Ärztin: „Nein, das kann ihr Sohn nicht, es handelt sich um eine Krankheit.“ Leider ist der Kontakt der Angehörigen zu den Ärzten oft unbefriedigend, denn die Psychiater und Therapeuten, die den Kranken betreuen, unterliegen der Schweige­pflicht. Ohne das Einverständnis des Erkrankten dürfen sie nichts sagen.

Der Gruppenleiter stimmt zu. Für Angehörige gebe es zu wenige Hilfen. Er suchte Kontakte zur Selbsthilfe und erfuhr, dass es die alte Gruppe nicht mehr gab. Nach einiger Zeit erreichte ihn eine Mail über ein Tref­fen für eine mögliche Neugründung. 15 bis 20 Menschen nahmen an der ersten sehr emotionalen Begegnung teil. Nachdem eine Frau die Leitung wieder abgegeben hatte, erklärte er sich zur Übernahme bereit. Mittler­weile trifft sich ein fester Kern von sechs Betroffenen, Eltern, Kinder oder Ehepartner von Menschen mit einer bipolaren Störung, ab und an kommen Neue hinzu.

Verständnis für die Gefühle
In der Gruppe finden die betroffenen Angehörigen Verständnis für ihre Gefühle. Sie ermöglicht den Aus­tausch über die Erlebnisse mit den Kranken. In der vertrauensvollen Atmosphäre reden die Teilnehmen­den offen über ihre Probleme und Sorgen. Wie gehe ich mit dem Angehörigen am besten um? Wie mit meinen eigenen Gefühlen? Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es? Neben dem Erfahrungsaustausch geben die anderen Gruppenteilnehmenden konkrete Tipps, was man tun beziehungsweise an wen man sich wenden kann.

Um besser zu verstehen, was die Krankheit bedeutet, lud die Gruppe einen Betroffenen aus der Selbsthil­fegruppe für bipolar Erkrankte ein. Er kam zu zwei Sitzungen. „Diese Treffen waren sehr informativ und aufschlussreich“, findet der Grup­penleiter. Die Angehörigen bekamen einen Einblick in die Sichtweise der Betroffenen, in die Perspektive des anderen. Dieser Wechsel ermög­lichte es, mehr Verständnis dafür zu entwickeln, was bei dem erkrankten Angehörigen geschieht und wie er sich fühlt.

„Die Tragik liegt ja bei uneinsichtig Betroffenen darin, dass es zu keinem Gespräch über die Erkrankung kom­men kann“, erläutert der Gruppen­leiter. Somit fehle eine wesentliche Grundlage, in einer Beziehung etwas zu ändern. Hilfestellung von nahen Angehörigen ist unter diesen Um­ständen fast unmöglich. Die bipolare Erkrankung erlaubt keinen Zugang. Verletzungen werden nicht gesehen, deshalb können sie nicht revidiert werden. „Für mich ist eine wichtige Erkenntnis, dass Worte, die ich früher „ausgesendet“ habe, anders empfun­den werden, meist als Verletzung.“ Der Perspektivwechsel ermöglicht es, das zu akzeptieren.

Ärztliche Informationen
Einen Einblick in die fachärztliche Perspektive gab der Vortrag eines niedergelassenen Psychiaters. Die Gruppe fand es hilfreich, Informationen aus ärztlicher Sicht zu be­kommen und medizinische Fakten zu hören. Dass die Verhaltensweisen des Angehörigen zur Krankheit ge­hören und man sie dem Erkrankten nicht übelnehmen darf, entlastet von Schuldgefühlen und schlechtem Ge­wissen. „Es hilft dem Selbstbewusst­sein und lässt erkennen, wo unsere Grenzen sind“, sagt die betroffene Mutter. „Wir bemühen uns, doch wir sind keine Heiler.“ Um den Blickwin­kel zu erweitern und neue Impulse zu bekommen, überlegt der Gruppen­leiter, noch einmal einen Fachmann oder Arzt in die Gruppe einzuladen.

Eine Distanz zu der Krankheit des anderen zu finden, ist im Falle einer psychischen Störung nicht leicht. Das eigene Leben dreht sich stark um den Erkrankten. Auch in der Gruppe ist es nicht immer einfach, den Fokus auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu richten. „Man muss sich selbst immer wieder daran erinnern“, sagt die Mutter. Die Frau des Gruppenleiters ist mittlerweile ausgezogen. Doch das Thema ihrer Krankheit beschäftigt ihn noch immer. „Es tut gut eine vertraute Gruppe zu haben und über die Erfahrungen zu sprechen.“

Infos zu: Bipolare Erkrankung
Bipolare Störungen sind schwere chronisch verlaufende psychische Erkrankungen, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert sind. Die Manie stellt sich als übersteigertes Hochgefühl dar und die Betroffenen sind gleichzeitig meist überaktiv, euphorisch oder gereizt. Auf diese Phase folgen mehr oder weniger ausgeprägte Depressionen, mit gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und Traurigkeit. Die Stimmungsschwankungen treten episodisch und unabhängig von der augenblicklichen Lebenssituation auf. Man schätzt, dass etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Frauen und Männer erkranken jeweils gleich häufig.
Quelle: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org

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