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KISS Interview: Selbsthilfegruppe Adipositas Wolfhagen

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2016

„Hier werde ich angenommen, wie ich bin“
Selbsthilfegruppe für Übergewichtige im Wolfhager Land „Betroffene helfen Betroffenen“

Das Gespräch findet nicht in irgendeinem Café in Wolfhagen statt. Heidi Kaufhold hat sich das „Café Pause“ des Emstaler Vereins ausgesucht. Denn im Emstaler Verein, der im Landkreis Kassel Angebote für psychisch beeinträchtigte Menschen organisiert, findet sie seit Jahren Unterstützung. „Hier werde ich angenommen, wie ich bin“, erzählt sie.

Sich selbst nicht anzunehmen, von anderen Menschen gehänselt zu werden, das kennt sie seit fast 22 Jahren. Sie ist übergewichtig und esssüchtig und hat in Wolfhagen eine Selbsthilfegruppe für übergewichtige Menschen gegründet. Neun Frauen treffen sich seit Mitte 2015 regelmäßig und unterstützen sich dabei, ein vernünftiges Essverhalten zu entwickeln. Vor allem erleben sie Akzeptanz von den anderen Frauen, denen es genauso geht wie ihnen. 

Heidi Kaufhold hat schmerzhaft erfahren, was Übergewicht bedeutet. Man spürt, dass Sprüche wie „muss die Dicke auch noch ein Eis essen“ oder „die Panzer rollen an“ sie verletzt und empört haben. Sie erlebte schon in der Schule Hänseleien und fühlte sich schon immer zu dick. Nach der Heirat und den Schwangerschaften machte Heidi Kaufhold eine Diät nach der anderen – Ergebnis war der bekannte Jo-Jo Effekt. Sie wurde psychisch krank, war mehrfach in Kliniken.

Nach einem schweren Herzinfarkt zog sie sich ganz zurück. „Ich aß und aß“, vor allem viel Schokolade. Essen wurde zur Sucht, sie hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Wie bei einem Alkoholiker auch, nur war ihr Suchtmittel Schokolade und Essen. Sie ließ sich einen Magenbypass legen und fand schließlich beim Emstaler Verein Hilfe. Ganz wichtig für sie war und ist die Unterstützung ihrer Familie, „dadurch bin ich nicht allein und wir sind noch stärker zusammengewachsen“, sagt Heidi Kaufhold.

Anderen Übergewichtigen helfen
Vor zwei Jahren entschloss sie sich: Ich möchte etwas tun, anderen Übergewichtigen helfen. Mit Unterstützung ihrer Betreuerin sowie der KISS in Kassel gründete sie die Selbsthilfegruppe für Übergewichtige (Adipositas) im Wolfhager Land – „Betroffene helfen Betroffenen“. 

Anfangs trafen sich die Frauen jede Woche, mittlerweile nur noch jede zweite. Themen wie Gewicht oder Diät spielen bei den Treffen keine Rolle. Es geht um die Probleme, die durch das Übergewicht entstanden sind. Die Frauen unterstützen sich bei der Frage, wie sie vernünftig essen können und wie sie ihre bevorzugten „Suchtmittel“ wie Chips oder Schokolade weglassen oder anders damit umgehen können. Heidi Kaufhold zum Beispiel isst ganz bewusst und langsam ein Stück Schokolade, riecht daran und lässt es im Mund zergehen. Früher, sagt sie, hätte allein der Gedanke, nur ein Stück zu essen, Panik bei ihr ausgelöst.

Lernen, das Richtige zu essen
Die Frauen in der Gruppe geben sich gegenseitig Tipps, erzählen von ihren Erfahrungen. Sie lernen, das Richtige zu essen und wieder zu genießen und bei Gefühlen wie Traurigkeit oder sogar Freude eben nicht zum Essen zu greifen. Denn im Gegensatz zum Alkohol kann man Essen nicht einfach weglassen.

Fast alle Esssüchtigen haben ein gestörtes Hunger- und Sättigungsempfinden. Viele essen, weil sie sich traurig, einsam oder gestresst fühlen. Das Umfeld reagiert meist mit Aussagen wie: „Dann soll sie nicht so viel essen“ und nimmt Esssüchtige nicht als essgestört wahr, sondern als undiszipliniert. Selbstwert und Selbstbewusstsein leiden. Übergewichtige Menschen isolieren sich, wagen sich nicht mehr zu Verabredungen.

Punkte wie Selbstwert und Selbstbewusstsein werden auch in der Gruppe thematisiert. Wie gehen wir mit Hänseleien und dummen Sprüchen um? Wenn Heidi Kaufhold heute durch die Straßen geht, sagt sie sich manchmal: Es gibt noch andere, die so sind wie ich – ich bin nicht alleine. Das hilft ihr. Auch die Gruppe zu leiten hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt.

Arbeitssuche Problem
Die Arbeitssuche ist für übergewichtige Frauen ein Problem. Auch hier erfahren sie oft Ablehnung und meist wenig Verständnis. Anders, als in der Selbsthilfegruppe, in der Betroffene Betroffenen helfen und einander verstehen.

In der Gruppe geht es jedoch keineswegs nur um Probleme. Mal wird beim Kaffee trinken einfach erzählt, mal über anderes gesprochen, auch Spaß darf sein. Geplant sind noch weitere Aktivitäten. Zum Beispiel Walken oder ein gemeinsamer Besuch im Schwimmbad, denn allein würden sie sich nicht ins Schwimmbad wagen.

Mittlerweile unterstützen sich die Frauen auch außerhalb der Gruppentreffen, können gegenseitig Kontakt aufnehmen, wenn sie in eine Krise geraten. Es sind Freundschaften entstanden, sagt die Gruppenleiterin und darüber freut sie sich. Was sie sich wünscht? Mehr Verständnis von der Gesellschaft für übergewichtige Menschen. Überhaupt sollten die Menschen besser und verständnisvoller miteinander umgehen – egal, ob dick oder dünn.

Mehr zur Gruppe finden Sie  hier

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