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"Das Glas der Vernunft"

In diesem Jahr wurde zum 28. Mal der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ verliehen. Vorstand und Kuratorium der Gesellschaft der Freunde und Förderer dieses Preises haben den peruanischen Landwirt Saúl Luciano Lliuya als Preisträger 2018 gewählt.

Saúl Luciano Lliuya in einer Gebirgsschlucht; © Foto: Alexander Luna
Saúl Luciano Lliuya; Foto: Alexander Luna


Kasseler Bürgerpreis "DAS GLAS DER VERNUNFT" an Umweltaktivisten Saúl Luciano Lliuya verliehen

Für seinen Mut, die globale Dimension individueller, politischer und ökonomischer Handlungsweisen mit den Mitteln des Rechts und der Verantwortung auszuhandeln, ist der peruanischen Landwirt Saúl Luciano Lliuya am Sonntag, 23. September, im Kasseler Staatstheater mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet worden. Seine Heimatstadt Huaraz am Palcacocha See liegt auf 3000 Metern in dem Gebiet der „Cordillera Blanca“, der weißen Gebirge, deren Schnee und Eis als Folge der Klimaerwärmung verstärkt schmelzen, so dass es zu einer Flutkatastrophe kommen könnte. 

Lliuya verlangt durch eine zivilrechtliche Klage von einem deutschen Energiekonzern eine Beteiligung an den Kosten von Schutzmaßnahmen, um seinen Besitz vor der drohenden Überflutung durch den Gletschersee zu sichern. Damit will er deutlich machen, dass lokale Handlungen weltweit Klimaveränderungen verursachen. Der Ausstoß aus den Kraftwerken, so seine Argumentation, trage zur Erwärmung der Erdatmosphäre und damit zum Schmelzen des „ewigen Eises“ der Anden und zum Anstieg des Wasserspiegels bei.

Lliuya, der aus dem peruanischen Hochland mit seiner Ehefrau und seinem Vater zur Preisverleihung angereist war, zeigte sich tief geehrt: „Ich widme den Preis den Familien, die in den Bergen leben. Sie alle verdienen den Preis“, sagte er.

Globale Verantwortung für globales Handeln eingefordert

„Mit dieser Initiative stellt Lliuya mit demokratischen Mitteln einen Zusammenhang her zwischen klimarelevanten Produktionsweisen in Industrienationen und deren Auswirkungen auf Tausende von Kilometern entfernt liegende Regionen. So appelliert er nicht nur für sich, sondern für 50.000 in seiner Heimatstadt Huaraz in den peruanischen Hochanden ebenfalls bedrohte Menschen an ein weltweit orientiertes Verantwortungsbewusstsein“, heißt es in der Begründung zur Vergabe des Bürgerpreises. Damit stelle er die Folgen des Klimawandels in individuelle Verantwortung.    

„Ein Bergführer aus den peruanischen Anden erklimmt als allererster Mensch einen juristischen Gipfel, der bislang als unbezwingbar galt“, würdigte in ihrer Laudatio Claudia Kempfert, die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin, den Preisträger. "Sie sind ein David, der den Mut hat, gegen Goliath anzutreten; sie übernehmen Verantwortung nicht nur für ihr individuelles Leben, sondern auch Verantwortung für ihr Heimat-Dorf, für ihre Heimatstadt Huaraz, für ihre Heimat-Region, die peruanischen Anden, und – ja, kleiner geht’s nicht – für den ganzen Planeten.“ Der Prozess, den Saúl Luciano Lliuya in Deutschland angestoßen habe, sei möglicherweise der Tropfen, der das fossile Fass zum Überlaufen bringt – „und zwar hoffentlich noch bevor der Gletscher-Abbruch in ihren See stürzt! Er ist ein Signal der Hoffnung für eine Welt, in der nachhaltiges Wirtschaften zum Erfolgsmodell wird." Schon jetzt habe Lliuya damit ein Stück Rechtsgeschichte geschrieben.

In seiner Festrede hatte zuvor Professor Dr. Hans Joachim Schellnhuber, ein Experte für Klimafolgenforschung und Erdsystemanalyse, in eindringlicher Form die Folgen des Klimawandels dargestellt. Anhand von Daten zur Erderwärmung und CO2-Entwicklung erläuterte er das Modell der Kipp-Prozesse, durch das möglicherweise nicht mehr umkehrbare Prozesse globaler Umweltzerstörung dargestellt werden können. Professor Schellnhuber plädierte für einen schnellen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, allen voran der Braunkohle. Es sei notwendig, den CO2 Ausstoß in jedem Jahrzehnt zu halbieren.

„Es ist an der Zeit, dass sich nicht nur die Forschung und die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft dieser globalen Probleme, die die Schöpfung bedrohen, annimmt. Saúl Luciano Lliuya hat uns dazu von außen Entwicklungshilfe geleistet“, dankte Professor Schellnhuber dem Preisträger des „Glases der Vernunft“.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von dem in Kassel lebenden brasilianischen Gitarristen Diego Jascalevich.     

 

Bürgerpreis Das Glas der Vernunft; © Glas der Vernunft: Foto: Soremski

Der Kasseler Bürgerpreis

Kasseler Bürgerinnen und Bürger haben im Jahr 1990 den Kasseler Bürgerpreis "DAS GLAS DER VERNUNFT" gestiftet.

Anlass war die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 und die damit verbundene Zusammenführung der geschichtlich und kulturell verbunde­nen Regionen Nordhessen und West-Thüringen.

Die Auszeichnung wird seither jährlich an Personen oder Institutionen vergeben, die sich in besonderer Weise um die Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden verdient machen.

Das Glas der Vernunft ist mit 10.000 Euro dotiert und wird ausschließlich durch private Spenden finanziert. Zum Preisgeld erhält der Preisträger eine von dem Kasseler Kunstprofessor Karl Oskar Blase gestaltete Skulptur.

Veranstaltungsort

Institution: Staatstheater Kassel
Anschrift: Friedrichsplatz 15
34117 Kassel
ÖPNV: Fahrplanauskunft

Bislang wurden mit dem Kasseler Bürgerpreis geehrt:

2018 Saúl Luciano Lliuya
2017 Ärzte ohne Grenzen
2016 Edward Snowden Bis zur Abholung ist der Preis im Stadtmuseum ausgestellt
2015 Avi Primor
2014 Ferenc Köszeg
2013 Prof. Dr. mult. Jürgen Habermas
2012 Vandana Shiva
2011 Royston Maldoom
2010 Ai Weiwei
2009 Dr. Joachim Gauck
2008 Professor Wladyslaw Bartoszewski
2007 Die Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands - Valentina Melnikowa
2006 Ayaan Hirsi Ali
2005 Prof. Dr. Harald Szeemann, posthum
2004 Dr. jur. Klaus von Dohnanyi
2003 Dipl.-Ing. Hans Georg Raschbichler und Prof. Dr. Dieter Spethmann
2002 Hilmar Hoffmann
2001 Beate Langmaack, Heike Richter-Karst und Kai Wessel mit dem ZDF-Redaktionsteam
2000 Christo und Jeanne-Claude
1999 Lea Rabin
1998 Prof. Dr. Christiaan N. Barnard
1997 Pavel Kohout
1996 Hans Koschnik
1995 Gyula Horn
1994 Johan Joergen Holst und Terje Roed Larsen
1993 Yehudi Menuhin
1992 Carl Friedrich Frhr. von Weizsäcker
1991 Hans-Dietrich Genscher

Weitere Informationen

Veröffentlicht am:   01. 10. 2018  


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