Umfang und wirtschaftliche Bedeutung der Stadt wuchsen, nachdem Landgraf Heinrich von Hessen im Jahre 1277 Kassel zu seiner Residenz gemacht hatte. Aus dieser Zeit haben sich Brüderkirche und Martinskirche, Druselturm und Zwehrenturm erhalten. Besonders in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts strebte der Rat der Stadt Kassel in langwierigen Kämpfen nach größerer Unabhängigkeit, allerdings vergeblich. So waren es die Landesfürsten, die über ein halbes Jahrtausend hinweg die Entwicklung der Stadt entscheidend prägten.
Einige Jahrzehnte später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wurde zu Füßen des Herkules das Schloß Wilhelmshöhe errichtet, benannt nach dem Bauherrn Landgraf Wilhelm IX. von Hessen, nicht nach Kaiser Wilhelm II.! In diesem Schloß ist heute eine weltberühmte Gemäldesammlung untergebracht.
Den Grundstock dazu hatte einer der vielen kunstsinnigen und gebildeten Landgrafen gelegt.
Diese legten eine astronomisch - physikalische Sammlung an, die der technisch Interessierte jetzt in der Orangerie bewundern kann. Sie ließen den ersten Theaterbau Deutschlands (heute Naturkundemuseum) und das erste Museum auf dem europäischen Festland (Museum Fridericianum) errichten. Sie begründeten eine technische Hochschule, eine Kunstakademie und manch andere kulturelle und soziale Einrichtung, die lange Bestand hatte oder noch heute existiert.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man in Kassel 18000 Einwohner. Unter ihnen lebten seit 1805 die Brüder Grimm, die hier die bis dahin mündlich überlieferten Märchen erstmals zu Papier brachten. In jener Zeit erwachte auch in Kassel das politische Bewußtsein des Bürgertums. Die Gemeindeverfassung von 1834 stellte die kommunale Selbstverwaltung auf eine neue Grundlage. Als Sitz des Parlaments des Kurfürstentums Hessen war das Ständehaus am Ständeplatz Ort politischer Auseinandersetzungen zwischen dem liberalen Bürgertum und dem Kurfürsten.
Am 15. September 1830 überreicht Kassels Oberbürgermeister Karl Schomburg, im kurfürstlichen Schloss am Friedrichsplatz, dem Landesherrn eine Bittschrift, die dazu führt, dass Kurhessen eine liberale Verfassung erhält.
In dieser Zeit setzte trotz mancher Widerstände auch die Industrialisierung ein, aber erst als Kassel und Kurhessen 1866 ein Landesteil des Königreichs Preußen wurden, nahm die Stadt einen lebhaften Aufschwung. Besondere Bedeutung errang die alteingesessene Firma Henschel, die 1913 ihre zwölftausendste Lokomotive fertigstellte. Im Norden und Osten der Stadt bildeten sich Industrieviertel, während im Westen an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich- Ebert- Straße) reine Wohngebiete entstanden.
Gegen Ende des Jahrhunderts war die Stadt über die mittelalterliche Gemarkung hinausgewachsen, so dass benachbarte Ortschaften eingemeindet werden mussten. Die Bevölkerung der Stadt wuchs auf mehr als 100000 Einwohner an. Stadt und Staat wetteiferten, Autorität, bürgerliche Kultur und Wohlhabenheit durch Gebäude zum Ausdruck zu bringen. Von diesen Repräsentationsbauten sind heute noch die Gemäldegalerie an der Schönen Aussicht (1877 fertiggestellt), das Rathaus (1909), das Landesmuseum (1913) und die Stadthalle (1914) erhalten.
In den zwanziger Jahren verlagerte sich das Schwergewicht auf Bauten der Gesundheitspflege, Sportstätten und Wohnsiedlungen. Hallenbad (Ost), Hessenkampfbahn und Rothenbergsiedlung waren der Ausdruck einer veränderten sozialen Einstellung. Auf kulturellem Gebiet ist die Gründung des Tapetenmuseum im Jahre 1923 hervorzuheben, das einzige Museum dieser Art in der Welt.
Unter dem NS-Regime wurde auch die Kasseler Bevölkerung im nationalsozialistischen Sinn diszipliniert. Politisch Andersdenkende und einzelne Bevölkerungsgruppen waren der Verfolgung ausgesetzt. Viele kamen in Konzentrationslagern um. Militärische Belange bestimmten immer stärker das Geschehen in der Stadt. Rüstungsindustrie wurde auf- und ausgebaut, Kasernenbauten und das „Generalkommando“ (heute Bundessozialgericht) entstanden. Kassel wurde zum ständigen Veranstaltungsort der „Reichskriegertage“.
Zum schrecklichsten Tag der Stadtgeschichte wurde der 22. Oktober 1943, als die Innenstadt durch einen Luftangriff in Schutt und Asche versank. Nahezu 10.000 Menschen kamen in Flammen und Trümmern um. Frühere und spätere Angriffe schlugen zusätzliche Wunden, so dass am Kriegsende 70% der Wohnungen und 65% der Industrieanlagen im gesamten Stadtgebiet zerstört waren. Mit 71.000 Einwohnern hatte die Bevölkerungszahl ihren tiefsten Stand erreicht. Zwölf Jahre brutaler Diktatur hatten die jahrhundertealte Stadt zu einem Nullpunkt geführt.
Wenn sich das heutige Stadtbild weniger als ein Wiederaufbau und mehr als ein Neuaufbau auf altem Grund präsentiert, so muss dies geistigen Strömungen zugerechnet werden, die radikal mit der Vergangenheit brechen wollten. Doch können wir heute stolz sein auf die Treppenstraße – sie steht als Bauwerk der fünfziger Jahre unter Denkmalschutz – und auf die zahlreichen anderen gelungenen Beispiele der überaus interessanten Architektur der fünfziger Jahre in der Innenstadt. 1948/49 hatte sich übrigens die Stadt Kassel darum beworben, provisorische Bundeshauptstadt zu werden, leider ohne Erfolg.
Besondere Impulse auf die Stadtentwicklung gingen von der 1955 veranstalteten Bundesgartenschau aus. Im gleichen Jahr erlangte Kassel in der Kunstwelt Bekanntheit durch die erstmals veranstaltete „documenta“, eine internationale Ausstellung moderner Kunst, die seitdem im Abstand von fünf Jahren stattfindet. Zu einem bedeutenden Faktor in der Stadtentwicklung wurde die 1970 als Gesamthochschule gegründete Universität Kassel. Mit Schloss Wilhelmshöhe fand 1974 die berühmte Gemäldegalerie mit den alten Meistern und der Antikensammlung einen besonders prächtigen Präsentationsrahmen, während die Kunst der letzten zwei Jahrhunderte in der Neuen Galerie an der Schönen Aussicht gute Ausstellungsmöglichkeiten erhielt.