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Kassel - Konturen einer Stadtentwicklung

Zwei Urkunden, die im Jahre 913 in Kassel niedergeschrieben wurden, sind der erste schriftliche Beleg für die Existenz Kassels und damit der Beweis, dass die Stadt auf eine mehr als tausendjährige Entwicklung zurückblicken kann. Freilich kann man zunächst nicht von einer Stadt sprechen. An der Stelle des heutigen Regierungspräsidiums erhob sich eine Befestigungsanlage, und in ihrem Schutz entwickelte sich in den nächsten Jahrhunderten eine Siedlung, deren geringe Ausdehnung man heute noch an dem Straßenzug „Graben“ ablesen kann.

Kassel Stich; © Stadtarchiv

Umfang und wirtschaftliche Bedeutung der Stadt wuchsen, nachdem Landgraf Heinrich von Hessen im Jahre 1277 Kassel zu seiner Residenz gemacht hatte. Aus dieser Zeit haben sich Brüderkirche und Martinskirche, Druselturm und Zwehrenturm erhalten. Besonders in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts strebte der Rat der Stadt Kassel in langwierigen Kämpfen nach größerer Unabhängigkeit, allerdings vergeblich. So waren es die Landesfürsten, die über ein halbes Jahrtausend hinweg die Entwicklung der Stadt entscheidend prägten.

Im 16. Jahrhundert, als etwa 5000 Menschen in Kassel lebten, wurde die Stadt vorübergehend zu einem politischen Mittelpunkt im Westen Deutschlands, da sich Landgraf Philipp in besonderem Maße für den Protestantismus einsetzte. Dies veranlasste ihn, seine Hauptstadt zu einer starken Festung auszubauen, die später nach neuen Erkenntnissen ständig verbessert wurde. 1767 wurde mit der Einebnung der Festungsanlagen begonnen, nachdem Mauern und Wälle jahrhundertelang eine Ausdehnung der Stadt verhindert hatten.

Als um 1700 auf Initiative des Landgrafen Karl französische Glaubensflüchtlinge in größerer Zahl nach Kassel kamen, entstand vor den Toren ein neuer Stadtteil: die Oberneustadt. Der Name des Landgrafen Karl ist außerdem mit zwei architektonischen Anlagen verbunden, die das Bild der Stadt noch heute mitbestimmen: das barocke Orangerieschloss mit dem weitläufigen Park der Karlsaue an der Fulda und der großartige Bergpark Wilhelmshöhe am Osthang des Habichtswaldes, dessen Wasserspiele von einem phantastischen, 71 Meter hohen Bauwerk, dem Oktogon mit der Herkulesstatue, bekrönt sind.

Friedrichsplatz, Mitte des 19. Jahrhunderts; © Stadtarchiv

Einige Jahrzehnte später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wurde zu Füßen des Herkules das Schloß Wilhelmshöhe errichtet, benannt nach dem Bauherrn Landgraf Wilhelm IX. von Hessen, nicht nach Kaiser Wilhelm II.! In diesem Schloß ist heute eine weltberühmte Gemäldesammlung untergebracht.
Den Grundstock dazu hatte einer der vielen kunstsinnigen und gebildeten Landgrafen gelegt. Diese legten eine astronomisch - physikalische Sammlung an, die der technisch Interessierte jetzt in der Orangerie bewundern kann. Sie ließen den ersten Theaterbau Deutschlands (heute Naturkundemuseum) und das erste Museum auf dem europäischen Festland (Museum Fridericianum) errichten. Sie begründeten eine technische Hochschule, eine Kunstakademie und manch andere kulturelle und soziale Einrichtung, die lange Bestand hatte oder noch heute existiert.

Karl Schomburg überreicht im kurfürstlichem Schloß dem Landesherren eine Bittschrift, 15.09.1830; © Stadtarchiv

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man in Kassel 18000 Einwohner. Unter ihnen lebten seit 1805 die Brüder Grimm, die hier die bis dahin mündlich überlieferten Märchen erstmals zu Papier brachten. In jener Zeit erwachte auch in Kassel das politische Bewußtsein des Bürgertums. Die Gemeindeverfassung von 1834 stellte die kommunale Selbstverwaltung auf eine neue Grundlage. Als Sitz des Parlaments des Kurfürstentums Hessen war das Ständehaus am Ständeplatz Ort politischer Auseinandersetzungen zwischen dem liberalen Bürgertum und dem Kurfürsten.

Am 15. September 1830 überreicht Kassels Oberbürgermeister Karl Schomburg, im kurfürstlichen Schloss am Friedrichsplatz, dem Landesherrn eine Bittschrift, die dazu führt, dass Kurhessen eine liberale Verfassung erhält.

Wildemannsgasse nahe dem Weißen Hof (Nachtaufnahme), vor dem Zweiten Weltkrieg; © Stadtarchiv

In dieser Zeit setzte trotz mancher Widerstände auch die Industrialisierung ein, aber erst als Kassel und Kurhessen 1866 ein Landesteil des Königreichs Preußen wurden, nahm die Stadt einen lebhaften Aufschwung. Besondere Bedeutung errang die alteingesessene Firma Henschel, die 1913 ihre zwölftausendste Lokomotive fertigstellte. Im Norden und Osten der Stadt bildeten sich Industrieviertel, während im Westen an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich- Ebert- Straße) reine Wohngebiete entstanden.

Gegen Ende des Jahrhunderts war die Stadt über die mittelalterliche Gemarkung hinausgewachsen, so dass benachbarte Ortschaften eingemeindet werden mussten. Die Bevölkerung der Stadt wuchs auf mehr als 100000 Einwohner an. Stadt und Staat wetteiferten, Autorität, bürgerliche Kultur und Wohlhabenheit durch Gebäude zum Ausdruck zu bringen. Von diesen Repräsentationsbauten sind heute noch die Gemäldegalerie an der Schönen Aussicht (1877 fertiggestellt), das Rathaus (1909), das Landesmuseum (1913) und die Stadthalle (1914) erhalten.

In den zwanziger Jahren verlagerte sich das Schwergewicht auf Bauten der Gesundheitspflege, Sportstätten und Wohnsiedlungen. Hallenbad (Ost), Hessenkampfbahn und Rothenbergsiedlung waren der Ausdruck einer veränderten sozialen Einstellung. Auf kulturellem Gebiet ist die Gründung des Tapetenmuseum im Jahre 1923 hervorzuheben, das einzige Museum dieser Art in der Welt.

Kassel in Trümmern, Innenstadt im Jahre 1947; © Stadtarchiv

Unter dem NS-Regime wurde auch die Kasseler Bevölkerung im nationalsozialistischen Sinn diszipliniert. Politisch Andersdenkende und einzelne Bevölkerungsgruppen waren der Verfolgung ausgesetzt. Viele kamen in Konzentrationslagern um. Militärische Belange bestimmten immer stärker das Geschehen in der Stadt. Rüstungsindustrie wurde auf- und ausgebaut, Kasernenbauten und das „Generalkommando“ (heute Bundessozialgericht) entstanden. Kassel wurde zum ständigen Veranstaltungsort der „Reichskriegertage“.

Zum schrecklichsten Tag der Stadtgeschichte wurde der 22. Oktober 1943, als die Innenstadt durch einen Luftangriff in Schutt und Asche versank. Nahezu 10.000 Menschen kamen in Flammen und Trümmern um. Frühere und spätere Angriffe schlugen zusätzliche Wunden, so dass am Kriegsende 70% der Wohnungen und 65% der Industrieanlagen im gesamten Stadtgebiet zerstört waren. Mit 71.000 Einwohnern hatte die Bevölkerungszahl ihren tiefsten Stand erreicht. Zwölf Jahre brutaler Diktatur hatten die jahrhundertealte Stadt zu einem Nullpunkt geführt.

Fontäne im Bergpark Wilhelmshöhe um 1840; © Stadtarchiv

Wenn sich das heutige Stadtbild weniger als ein Wiederaufbau und mehr als ein Neuaufbau auf altem Grund präsentiert, so muss dies geistigen Strömungen zugerechnet werden, die radikal mit der Vergangenheit brechen wollten. Doch können wir heute stolz sein auf die Treppenstraße – sie steht als Bauwerk der fünfziger Jahre unter Denkmalschutz – und auf die zahlreichen anderen gelungenen Beispiele der überaus interessanten Architektur der fünfziger Jahre in der Innenstadt. 1948/49 hatte sich übrigens die Stadt Kassel darum beworben, provisorische Bundeshauptstadt zu werden, leider ohne Erfolg.

Besondere Impulse auf die Stadtentwicklung gingen von der 1955 veranstalteten Bundesgartenschau aus. Im gleichen Jahr erlangte Kassel in der Kunstwelt Bekanntheit durch die erstmals veranstaltete „documenta“, eine internationale Ausstellung moderner Kunst, die seitdem im Abstand von fünf Jahren stattfindet. Zu einem bedeutenden Faktor in der Stadtentwicklung wurde die 1970 als Gesamthochschule gegründete Universität Kassel. Mit Schloss Wilhelmshöhe fand 1974 die berühmte Gemäldegalerie mit den alten Meistern und der Antikensammlung einen besonders prächtigen Präsentationsrahmen, während die Kunst der letzten zwei Jahrhunderte in der Neuen Galerie an der Schönen Aussicht gute Ausstellungsmöglichkeiten erhielt.

Der 1981 erneut in Kassel veranstalteten Bundesgartenschau ist ein herrliches stadtnahes Erholungsgebiet zu verdanken: die Fuldaaue. Eine überregionale Attraktion erhielt Kassel 1983 mit dem Thermalsolebad „Kurhessen-Therme“, heute im seit kurzem bestehenden Badeort „Bad Wilhelmshöhe“ gelegen. Mit dem 1991 eingeweihten ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe an der neuen Nord-Süd-Schnellbahnstrecke wurde ein schnell erreichbares Ziel in der Mitte Deutschlands geschaffen, das nicht nur dem überregionalen Tagungs- und Ausstellungswesen zugute kommt.

Heute präsentiert sich Kassel als eine Großstadt mit traditionellen und innovativen Unternehmen und Institutionen von überregionaler Bedeutung, ja von Weltruf, mit einer lebendigen Geschäftswelt, mit qualitätvollen Bildungseinrichtungen und einem überaus attraktiven Kultur- und Unterhaltungsangebot. Bezieht man auch die vielen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in und um Kassel mit ein, so bietet sich zu Beginn des neues Jahrtausends das Bild einer lebens- und liebenswerten Großstadt mit Zukunft.

Frank-Roland Klaube

Veröffentlicht am:   26. 06. 2013  

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