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Nora Platiel (1896 - 1979)

Platiel Nora; © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel

"Sehr bald habe ich erkannt, daß der Sinn der Opfer für andere nicht sein konnte, selber zugrunde zu gehen in Elend und Hoffnungslosigkeit.

Daß ein armer und elender Mensch nicht arm und elend ist, wenn er einem anderen, der noch ärmer und elender ist, helfen darf, das wurde die aufrichtige, kraftspendendende Idee für viele in dieser Zeit der Prüfungen."

Nora Platiel über ihre Arbeit im Exil von 1933-1949

 


Ein Neuanfang in Kassel

Seit 1986 gibt es auf dem Kasseler Universitätsgelände die Nora-Platiel-Straße. Diese Entscheidung geht auf ihr langjähriges und erfolgreiches Wirken für die Stadt Kassel zurück. An dieser Stelle soll nun die Erinnerung an ihr Engagement wach gehalten und auf das Leben und die Leistungen dieser ungewöhnlichen Frau geblickt werden.

Nora Platiel kam 1949 mit ihrem Ehemann Hermann und Sohn Roger nach Kassel und bezogen in der Goethestraße 130 eine Wohnung. Nora Platiel trat in Kassel eine Stelle als Landgerichtsrätin an. Seit 1922 war sie Mitglied der SPD und auch in Kassel suchte und fand sie Anschluss an die Partei. Einer breiten Kasseler Öffentlichkeit wurde Nora Platiel ab 1950 bekannt, denn sie war für viele Jahre engagierte Rednerin anlässlich des Internationalen Frauentags. Durch ihr gewerkschaftliches Engagement in der ÖTV nahm sie zudem an vielen Kundgebungen teil. 1951 wurde sie die erste Landgerichtsdirektorin in Hessen. Die Juristin galt als ausgemachte Expertin in Rechts- und Frauenfragen. So wundert es auch nicht, dass sie 1954 in den Landtag gewählt wurde, dem sie für drei Legislaturperioden bis 1966 angehörte. Ihre parlamentarische Arbeit konzentrierte sich auf die Rechts- und Kulturpolitik in Hessen; ihrem Engagement ist es maßgeblich zu verdanken, dass Hessen recht bald nach dem Krieg wieder auf eine gute kulturelle Infrastruktur verweisen konnte.

Kulturelles Engagement bewies sie nicht nur auf Landes-, sondern auch auf städtischer Ebene. Von 1961 bis 1969 war Nora Platiel Vorsitzende des Kasseler Kunstvereins. Hier erzielte sie 1966 mit der Ausstellung "Graphik und Zeichnungen israelischer Künstler" einen großen Erfolg. Für diese Ausstellung und ihr unermüdliches Arbeiten für die Verständigung mit dem jüdischen Volk wurde ihr die Anerkennungsurkunde von der Hebräischen Universität Jerusalem überreicht. Darin würdigte man Nora Platiel "als Medium des Verständnisses". Dies war jedoch nicht ihre einzige offizielle Ehrung. An ihrem 70. Geburtstag erhielt sie mit der Goethe-Plakette die höchste Auszeichnung des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und 1969 wurde ihr mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille die höchste politische Auszeichnung des Landes Hessen überreicht.

Nora Platiel wurde am 14. Januar 1896 als Eleonore Block geboren. Sie war das achte von zehn Kindern. Ihre Eltern, Bendix und Therese Block, betrieben ein Bekleidungsgeschäft für Bergarbeiter in Bochum. Auf Grund des frühen Todes des Vaters konnte Nora Block ihre Schulausbildung nicht beenden. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Nora Block als Sekretärin bei Helene Stöcker, der Leiterin des "Deutschen Bundes für Mutterschutz". Von Helene Stöcker ermutigt, legte Nora Block 1922 ihr Abitur ab und studierte in Göttingen Jura und Rechtsphilosophie. "Meine Wahl des Anwaltberufes", so ihre Begründung, "geschah unter dem Gesichtspunkt, mich für die Durchsetzung des Rechts in der Gesellschaft einzusetzen." In Göttingen schloss sich Nora Block dem Philosophen Leonard Nelson an. Nelson hatte den Internationalen Jugendbund (IJB) gegründet, der als Teil des linken Flügels der SPD auftrat. Nelsons umfassende Idee des "Ethischen Sozialismus" wurde prägend für ihr ganzes späteres Leben, ein unablässiges Engagement für den Sozialismus ging damit einher. Die Mitglieder des IJB mussten in proletarischen Organisationen aktiv mitarbeiten, ein Alkohol- und Nikotinverzicht sowie eine zölibatäre Lebensweise und vegetarische Ernährung waren Grundvoraussetzung für die Mitgliedschaft.

Nora Block kam nach bestandenen Prüfungen nach Kassel und legte hier ihr Referendariat ab. Als Juristin konnte sie nur kurz arbeiten, da die engagierte Sozialistin bereits 1933 nach Frankreich emigrieren musste. Der Gedanke, dass das Exil nur für kurze Zeit sein würde, bewahrheitete sich nicht; erst nach 16 Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück. Im Exil wurde Nora Block in vielfältiger Weise aktiv im Widerstand gegen das faschistische Deutschland. Sie hielt engen Kontakt mit den Nelson-AnhängerInnen, die mit ihr emigrieren mussten. Mit 38 Jahren bekam Nora Block ihren Sohn Roger, den sie aufgrund der teils schwierigen und gefährlichen Situation des Exillebens schweren Herzens in die Obhut eines Wohnheimes für Exilkinder geben musste. Dass dies jedoch eine gute Entscheidung war, zeigte sich 1940: Nora Block wurde verhaftet und kam in ein Internierungslager. Nach einigen Wochen konnte sie fliehen, doch ihr Leben blieb unsicher. Nach ihrer Flucht lebte sie für einige Zeit in Montauban und war dort als Flüchtlingsfürsorgerin tätig.

In Montauban lernte sie Hermann Platiel kennen, den sie an ihrem 47. Geburtstag heiratete. Doch die beiden konnten nur für kurze Zeit zusammenleben, sie wurden während einer Razzia getrennt. Erst nach Kriegsende kamen sie in der Schweiz wieder zusammen. Hier arbeiteten Nora und Hermann Platiel beim Arbeiterhilfswerk in der Abteilung Wiederaufbau. Doch ihr eigener Aufenthaltsstatus wurde zunehmend unsicherer und so versuchten die Platiels, sich eine neue Existenz in Frankreich oder Deutschland aufzubauen. Sie wollten beim Wiederaufbau Europas mitwirken. Die Entscheidung für Kassel fiel, als zwei alte Freunde aus der Kasseler Referendariatszeit Nora Platiel mitteilten, dass eine Stelle als Landgerichtsrätin frei werde.

Dieser bewegende Lebensweg erklärt Nora Platiels politisches Engagement, ihr Wirken im Nachkriegsdeutschland und in Kassel, für deren Wiederaufbau und Weiterentwicklung sie sich bis zu ihrem Tod am 6. September 1979 einsetzte.

Laura Schibbe

Veröffentlicht am:   18. 12. 2013  


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