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Johanna Vogt (1862 - 1944)

Vogt Johanna; © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel

"Mit großer Erwartung sah die Casseler Bürgerschaft der ersten Sitzung der neugewählten Stadtväter und – eine Neuheit – Stadtmütter entgegen." Aus einem Zeitungsartikel vom März 1919

Kassels erste Stadträtin
Ein Jahr nachdem die Frauen in Deutschland das Wahl- und Stimmrecht erhalten hatten, zog die erste Stadträtin in das Kasseler Rathaus ein: Am 19. Oktober 1919 wurde Johanna Vogt in dieses Amt gewählt. Die damals 57-jährige engagierte sich – nicht nur im Magistrat – für soziale und kulturelle Fragen.

Johanna Sophia Wilhelmine Caroline Vogt wurde am 11. Juni 1862 in Elberfeld geboren und zog bereits als kleines Mädchen mit ihren Eltern – ihre Mutter war eine gebürtige Kasselerin und ihr Vater wurde Direktor am Friedrichsgymnasium – nach Kassel.

Sie blieb ledig und wohnte zunächst im elterlichen Haushalt, ab 1933 nahm sie sich eine eigene Wohnung in der Innenstadt.

Über den Lebensweg von Johanna Vogt ist bisher nur sehr wenig bekannt. Von daher wissen wir nicht, wo sie ihr Studium der Kunstgeschichte absolviert hat. Da die deutschen Universitäten ihre Tore für weibliche Studierende erst 1908 endgültig öffneten und es keine Anhaltspunkte für einen Auslandsaufenthalt der Studentin gibt, ist zu vermuten, dass sie ihre Kenntnisse an einer privaten Schule bzw. Akademie erworben oder aber Privatunterricht erhalten hat. Ihren Beruf gab sie mit Privatlehrerin an; an der Kasseler Volkshochschule unterrichtete sie als Dozentin im Bereich Kunst und Kunstgeschichte. Darüber hinaus engagierte sie sich ehrenamtlich als Schöffin.

Johanna Vogt war in der örtlichen Frauenbewegung aktiv; 1911 gehörte sie zu den Gründerinnen des Frauenklubs in der Opernstraße. Für einige Jahre übernahm sie den Vorsitz dieses frühen Frauenzentrum, das vor allem kulturelle Interessen verfolgte. In den eigenen Räumlichkeiten wurde gemeinsam musiziert, Bridge gespielt und eine Bibliothek mit einem breiten Sortiment an Frauenzeitschriften versorgte die Besucherinnen mit Lesestoff. Angesprochen wurden insbesondere alleinstehende Frauen, die, wie eine Chronistin schreibt, "im Frauenclub ein Heim (finden sollten), das ihnen nicht nur behaglichen Aufenthalt bietet, sondern auch für geistige Anregungen und gesellige Unterhaltung sorgt."

Im März 1919 fanden in Kassel die ersten Wahlen unter weiblicher Beteiligung statt und sechs Frauen (von insgesamt 72 Abgeordneten) zogen ins Stadtparlament ein. Johanna Vogt, ab Herbst 1919 ehrenamtliche Stadträtin, gehörte der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der damaligen liberalen Partei, an. Im Magistrat war sie über lange Jahre die einzige Frau; erst 1927 bekam sie ‚weibliche Verstärkung’ von Elisabeth Consbruch (1863-1938).

Die ehrenamtliche Stadträtin engagierte sich – wie viele ihrer parlamentarischen Mitstreiterinnen – hauptsächlich im sozialen Bereich. Ihr besonderer Einsatz galt der Errichtung eines "Rentnerheimes", eine Initiative der städtischen Wohnungsfürsorge, die sich zum Ziel gesetzt hatte, für alte Menschen, die durch die Inflation mittellos geworden waren, preiswerte und gesunde Wohnungen zu bauen. Darüber hinaus setzte sie sich für kulturelle Einrichtungen wie die Stadtbibliothek ein. Ans Rednerpult trat die Politikerin nur selten. Das Amt der Stadträtin bekleidete Johanna Vogt bis 1933; mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste sie wie alle Frauen die parlamentarische Bühne verlassen.

80-jährig, kurz nach dem schweren Bombenangriff auf Kassel im Jahr 1943, verließ Johanna Vogt die Stadt und zog nach Berlin-Zehlendorf, wo sie vermutlich von Freunden bzw. Verwandten aufgenommen wurde. In der Nacht zum 12. März 1944 kam sie bei einem Bombenangriff ums Leben.

Gilla Dölle

Veröffentlicht am:   18. 12. 2013  


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