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Elisabeth Selbert

Selbert Elisabeth; © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung; Nachlass Elisabeth Selbert

Eine große Frau des 20. Jahrhunderts

„Ein Gedanke ... hat meine besondere Beachtung gefunden: nämlich der, dass wir zwar heute die Gleichberechtigung für unsere Frauen haben, dass aber diese Gleichberechtigung immer noch eine rein papierne ist.

Wir müssen nun dahin wirken, daß die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird. ... Es liegt mir fern, unseren Parlamentariern und Parlamentarierinnen einen Vorwurf zu machen; aber alle Körperschaften müssen einen subjektiven weiblichen Zug bekommen.“ 
(Elisabeth Selbert, 1920)


Die "Mutter des Grundgesetzes"

„In die Parlamente müssen die Frauen! Dort müssen sie durchsetzen, was ihnen zusteht!“ konstatierte Elisabeth Selbert im Jahr 1978, eine der ganz großen Töchter unserer Stadt.

Als Politikerin und Juristin war sie maßgeblich an der Formulierung der Hessischen Verfassung und des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Sie gehörte als eine von vier Frauen – neben 61 Männern – dem Parlamentarischen Rat an und stritt dort für die Aufnahme des Gleichberechtigungsparagraphen in die Verfassung.
Sie setzte die eindeutige Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Artikel 3, Absatz 2 durch und ging dadurch als „Mutter des Grundgesetzes“ in die Geschichte ein.
Die aktive SPD-Politikerin und promovierte Juristin arbeitete als Anwältin in Kassel in einer eigenen Kanzlei. Die Stadt Kassel ehrte die engagierte Bürgerin mit dem Wappenring (1969) und verlieh ihr 1984 die Ehrenbürgerrechte, die höchste städtische Auszeichnung.

Inzwischen ist ihr Name auch auf einem Kasseler Straßenschild in der Unterneustadt zu lesen und das Bürgerhaus in Niederzwehren trägt ebenfalls ihren Namen.

Dass Elisabeth Selbert (1896-1986) zu einer der großen Frauen des 20. Jahrhunderts werden würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Sie stammt aus sogenannten „kleinen Verhältnissen" und hat sich mit viel Energie und großem Einsatz hochgearbeitet.

Die als Elisabeth Rohde geborene Tochter eines Justizwachtmeisters absolvierte nach der Volks- die Handelsschule und übte verschiedene Bürotätigkeiten aus. Über ihren späteren Ehemann Adam Selbert kam sie in Kontakt mit den sozialdemokratischen Überzeugungen, die ihr ganzes weiteres Leben prägten. Der Eheschließung 1920 folgten zügig die Geburten zweier Söhne, dann aber verließ Elisabeth Selbert die üblichen Wege einer Hausfrau und Mutter.

In der festen Überzeugung, mit besserer Bildung den Zielen der Partei nützlicher sein zu können, holte sie das Abitur nach und studierte in Marburg und Göttingen Jura – mit tatkräftiger Unterstützung von Ehemann, Eltern und Schwiegereltern, die der jungen Frau den Rücken freihielten. Ihre Dissertation schloss sie 1930 ab, sie befasste sich mit „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund", ein Thema, dass erst Jahrzehnte später gesellschaftlich beachtet und „mainstreamfähig“ werden sollte.

Während der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete sie als Anwältin in einer eigenen Kanzlei und wurde nach 1945 als politisch Unbelastete sehr schnell in zahlreiche Gremien berufen. Sie war Mitglied von Spruchkammern und Ehrengerichten zur Entnazifizierung, maßgeblich beteiligt am Neuaufbau der Justiz in Hessen und wurde 1948 schließlich vom Land Niedersachsen für den Parlamentarischen Rat nominiert. Dort war sie unversehens mit dem Thema Gleichberechtigung konfrontiert. Den Grundsatz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ hatte sie für selbstverständlich und außerhalb jeden Diskussionsbedarf angesehen, aber es zeigte sich sehr bald, dass seine Durchsetzung viel Überzeugungskraft und großen Einsatz erforderte.

Elisabeth Selbert leistete diesen mit Bravour, erreichte schließlich nicht nur die Festlegung des Gleichheitsgrundsatzes im Grundgesetz, sondern auch viel öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema. Die Verabschiedung des Grundgesetzes war nach ihren eigenen Worten die „Sternstunde ihres Lebens“, doch im Grunde war es nur der Anfang. Es folgte ihre jahrzehntelange Beteiligung an der Anpassung des patriarchal geprägten Familienrechts an den Gleichberechtigungsanspruch der Verfassung.

Auch auf politischer Ebene war Elisabeth Selbert nach 1945 sofort wieder aktiv geworden: Mitglied des Hessischen Landtages von 1946 bis 1958, Stadtverordnete in Kassel von 1946 bis 1950, außerdem in den Parteigremien der Stadt Kassel und des Bezirks Hessen-Nord.

Ab Ende der 1950er Jahre allerdings schränkt sie all dies ein, um sich stärker auf die Kanzlei und die Familie konzentrieren zu können. Elisabeth Selbert war mit Leib und Seele Juristin, in der eigenen Kanzlei arbeitete sie bis nach ihrem 80. Geburtstag.

1956 wurde Elisabeth Selbert das Bundesverdienstkreuz verliehen. Darüber hinaus erhielt sie zahlreiche weitere Ehrungen; neben der Stadt Kassel ehrte sie das Land Hessen mit der Wilhelm Leuschner Medaille und stiftete den Elisabeth-Selbert-Preis, der seit 1983 jährlich für herausragende wissenschaftliche bzw. journalistische Arbeiten auf dem Gebiet der Gleichstellung verliehen wird.

Im Jahr 2001 wurde die Zeitschrift des Kasseler Archivs der deutschen Frauenbewegung mit dem Elisabeth-Selbert-Preis ausgezeichnet.

Bereits ein Jahr zuvor hatte die Familie Selbert den Nachlass von Elisabeth Selbert dem Archiv der deutschen Frauenbewegung überlassen. Spannende Dokumente in 137 Archivkartons geben Auskunft über die Biographie, über Arbeitsschwerpunkte und politische Zielsetzungen und Aktivitäten dieser bedeutenden Kasselerin. Einen ersten Einblick in diesen Nachlass gewährt das Findbuch, dass unter www.addf-kassel.de einsehbar ist.

Cornelia Wenzel

Veröffentlicht am:   20. 01. 2014  

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