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Fridericianum; © Stadt Kassel; Foto: Eull

Vertikaler Erdkilometer

Der amerikanische Künstler Walter de Maria hat zur documenta 6 im Jahr 1977 ein 1 Kilometer tiefes Loch in die Erde gebohrt, und anschließend ein Meter lange massive Messingstäbe von 5 cm Durchmesser zu einem Kilometer ineinandergesteckt in die Erde eingelassen.

Dieses Kunstwerk soll mit dem Friedrichsplatz und dem Fridericianum als Zeitepoche der Aufklärung verbunden werden, denn bei seiner Plazierung ist Bezug zur klassischen Stilordnung genommen worden.

Der "vertikale Erdkilometer" befindet sich in der Achse, die durch die Portikusmitte des Fridericianums und des Denkmals Landgraf Friedrich II. gebildet wird, wobei die Platzmitte durch die zwei diagonalen, sich kreuzenden Fußwege markiert ist. Die Plazierung des Kunstwerks unterstützt die klassische Stilordnung, der die Architektur des Fridericianums und die Gestaltung der Platzanlage unterworfen ist. Auch inhaltlich wollte Walter de Maria auf ein Thema verweisen, das Menschen aller Kulturepochen beschäftigt hat: Die Erd- und Himmelskunde. 
 

Erdkilometer; © documenta Archiv

Der Messingstab ist unsichtbar, was unterstreicht, dass seine ideelle Kraft wichtiger ist als die tatsächliche Betrachtung. Vielmehr soll sich der Mensch neu mit den uralten Grundfragen des Lebens auseinandersetzen. Dabei sollte klar werden, dass die allgemeinen Vorstellungen vom Weltganzen noch weitgehend irrationalen Vorstellungen unterliegen. Stilistisch gehört das Kunstwerk zur Minimal-Art. Die Kosten des Kunstwerkes von 750.000,00 DM wurden von verschiedenen Sponsoren (unter anderem von dem Münchner Galeristen Heiner Friedrich) getragen. Es führte zu heftigen Protesten der Kasseler Bürger. Das wird verständlich, wenn man bedenkt, dass der Friedrichsplatz bei Beginn der Bauarbeiten voller Kräne stand und das er aufgebohrt wurde. Viele Laien fühlten sich von den Veranstaltern der documenta allein gelassen, unverstanden und konnten mit der documenta oder zumindest einigen Kunstwerken nichts anfangen.

Auf gerade einmalige Art und Weise hat Walter de Maria mit seinem "Vertikalen Erdkilometer", einem Kunstwerk das sich durch Abwesenheit auszeichnet, die vielfältigsten Bezüge und Anregungen gegeben. "Finden" setzt jedoch "Suchen" voraus. Und wer will sagen, dass Kunst immer verstanden werden muss, wenn sie uns nur anspricht. Wenn sie uns einfach gefällt oder wenn durch sie neue Gedanken und Emotionen angeregt werden, sei es positiv oder negativ, hat die Kunst dann nicht schon ihr Ziel erreicht?

Im Konzept der d6 waren erstmals eigene Abteilungen für Fotografie, Video und Film - also technische Bildmedien - als Schwerpunkt vorgesehen. In diesem Zusammenhang kann man die A-Visualität von Walter de Marias "vertikalem Erdkilometer" als Verweigerung gegenüber der Bilderwelt dieses Medienkonzepts sehen.
 

Künstler: Walter de Maria
Standort: Friedrichsplatz
Lage: Link zum Stadtplan
Veröffentlicht am:   20. 05. 2015  


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