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Geschichte der documenta Vorlesen

Himmelsstürmer bei Nacht - Foto @ Agentur FKK

Das kulturelle Leben Kassels in der Nachkriegszeit wäre aus heutiger Sicht ohne den Einfluss der documenta nicht vorstellbar. Auf Initiative des Kasseler Malers und Kunsthochschulprofessors Arnold Bode (1900-1977) im Verbund mit engagierten Kasseler Bürgern gegründet, wurde die alle vier Jahre, seit 1972 alle fünf Jahre veranstaltete Ausstellung rasch zu einem Welterfolg.

Kassel und Deutschland fanden über die documenta wieder Anschluss an die internationale Kunstentwicklung, der durch die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gewaltsam unterbrochen worden war. Die documenta hat die Stadt Kassel weltweit bekannt gemacht. So ist es nahe liegend, dass sie sich als "documenta-Stadt" bezeichnet.

Als 1955, als kulturelle Ergänzung zur Bundesgartenschau, die erste documenta eröffnet wurde, konnte sich noch keiner vorstellen, dass diese einmal zur wichtigsten temporären Ausstellung zeitgenössischer Kunst avancieren sollte. Die erste documenta stand im Zeichen der Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nach 12 Jahren nationalsozialistischer Herrschaft wieder nach Deutschland zurückkehrte. In dem noch vom Krieg gezeichneten Fridericianum zeigte Bode die großen künstlerischen Gruppenbewegungen und herausragenden Einzelpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und nahm damit eine erste geistige Standortbestimmung für das Nachkriegs-(West-) Deutschland vor.


Schon bei der documenta 2 1959 verlagerte Bode den Akzent auf die Gegenwartskunst und inszenierte im Fridericianum und erstmals in der Ruine der Orangerie eine Bilanz der Kunst nach 1945 in der Kontinuität der Vorkriegsmoderne. Inspiriert durch den Kunsthistoriker Werner Haftmann, wurde die zweite documenta ein Siegeszug der neuen amerikanischen Kunst, besonders des so genannten abstrakten Expressionismus. Das Museum of Modern Art hatte allein knapp 100 Werke u. a. von de Kooning und Pollock nach Kassel geschickt. Erstmals wurde auch Grafik in Bodes Konzept einbezogen, der sich erneut als innovativer Ausstellungsmacher profilierte.

Mit ihrer 3. Auflage 1964 definiert sich die documenta als "Museum der 100 Tage" und etabliert sich als Institution, zumal seit 1959 mit einer eigenen GmbH ein professionelles Trägermodell gefunden war. Bodes Vorstellungen einer zuspitzenden, kontrastierenden, Zusammenhänge schaffenden Rauminszenierung beherrschte auch die documenta 3 – besonders in den Bildinstallationen von Sam Francis und Ernst Wilhelm Nay. Aufsehen erregend war die Retrospektive der 500 Handzeichnungen von Cézanne und van Gogh bis zu Sonderborg und Vedova.

Die documenta 4 von 1968 entstand in einer Zeit der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche, die erstmals auch die Institution documenta in Frage stellten. Ungeachtet der zeitgeistbestimmten Auseinandersetzungen inszenierte diese documenta den Siegeszug der Pop Art und der anderen Formen der amerikanischen Kunstproduktion. Christos 85 m hohes "5600 Cubic Meter Package" in der Karlsaue wurde zum Wahrzeichen dieser documenta, die mit Bazon Brocks "Besucherschule" dem neuen Rezeptionsverständnis Rechnung trug. Es war zugleich Bodes letzte documenta.

1972, zur documenta 5 , wurde mit Harald Szeemann erstmals das bis heute gültige Modell des gewählten, alleinverantwortlichen Generalsekretärs praktiziert. Neu war auch der thematische Gesamtrahmen "Befragung der Realität – Bildwelten heute", der der documenta den Charakter einer enzyklopädisch ausgerichteten Konzeptausstellung verlieh. Mit den Bereichen Kitsch, Werbung, Comic und Science-Fiction wurde der Einzugsbereich erweitert und die Massenmedien mit einbezogen. Joseph Beuys‘ "Organisation für direkte Demokratie und Volksabstimmung" sowie die Arbeiten der amerikanischen Fotorealisten setzten nachhaltige Akzente und trugen zum polaren gesellschaftlich-ästhetischen Spannungsfeld dieser documenta bei.

Nach dieser "epochalen" documenta von 1972 wurde die Ausstellungsfrequenz auf fünf Jahre umgestellt, und Manfred Schneckenburger befragte auf der documenta 6 , 1977, die Stellung der Kunst in der Mediengesellschaft. Fotografie, Film und Video bildeten die Schwerpunkte dieses Medienkonzeptes. Richard Serra und besonders Walter de Maria mit seinem "Vertikalen Erdkilometer" schufen monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum, während Beuys‘ "Honigpumpe" im Fridericianum Aufsehen erregte. Erstmals wurde auch – verbunden mit Protesten – die offizielle zeitgenössische DDR-Kunst präsentiert.

Nach Jahren eines sich weitenden und öffnenden Kunstbegriffs betonte Rudi Fuchs auf der documenta 7 , 1982, wieder das "Museale", das "Künstlerische", in seinen klassischen Grundlagen Malerei und Skulptur. Zum herausragenden Kunstwerk avancierte jedoch die im Außenraum der Stadt angesiedelte Arbeit von Joseph Beuys "7000 Eichen", ein "work in progress", bei dem in den folgenden fünf Jahren 7000 Bäume in Kassel gepflanzt wurden, die mit einer Basaltstele gekennzeichnet sind. Als Wahrzeichen firmierte Claes Oldenburgs "Spitzhacke" am Fuldaufer, die bis heute einen Anziehungspunkt darstellt. Von bleibendem Wert für das Stadtgebiet war auch das Neubaugebiet der so genannten documenta urbana.

Nach einigen Querelen übernahm 1987 noch einmal Manfred Schneckenburger die konzeptionelle Verantwortung und konzentrierte die documenta 8 auf die Wechselbeziehungen von Kunst, Design und Architektur. Politische Fragestellungen wie Krieg, Gewalt und Utopie (-verlust) bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Die documenta hatte sich auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Und längst war sie darüber hinaus zu einem kulturellen Massenevent aufgestiegen, Die Besucherzahlen erreichten 1987 erstmals knapp eine halbe Million, die Gesamtkosten überstiegen die 10 Millionen DM-Grenze.

Jan Hoets documenta 9 von 1992 berücksichtigte die "Erlebnisgesellschaft" mit ihrem emotionalisierenden Inszenierungsgestus und ihrer Eventorientierung. Als "documenta der Orte" erstreckte sie sich auf sieben Gebäude und zahlreiche "Außenstellen" im Stadtraum. Ohne theoretisch-konzeptionellen Grundsatzanspruch feierte Jan Hoet die große Symbiose von Kunst und Leben und bot im Begleitprogramm Boxen, Jazz und Baseball an. Über 600.000 zumeist fröhliche Besucher dankten es ihm, und mit der neu gebauten documenta-Halle war ein permanenter Ausstellungsort geschaffen.

Die documenta 10, 1997, setzte mit ihrer "manifestation culturelle" einen entschiedenen Kontrapunkt zu Jan Hoet. Der Zusammenhang von Ästhetik und Politik stand im Mittelpunkt des Programms von Catherine David, und ihr Anspruch einer "Retroperspektive" versuchte, rückwärtsgewandte Bilanz mit dem Ausblick auf das 21. Jahrhundert zu verbinden. Nicht ohne Strenge wurden die Aufgabenstellungen, das Sensorium der Kunst in ihrer sozialen, politischen und kulturellen Verstrickungen, kritisch ausgelotet. Zu einem großen Erfolg wurde das diskursive Begleitforum "100 Tage – 100 Gäste". Mit einem Etat von über 20 Mio. DM (= 10,2 Mio. Euro) und wieder rund 600.000 Besuchern unterstrich die Jubiläums-documenta ihren Status als Weltereignis auch in quantitativer Hinsicht.

Die documenta 11, die erste documenta im neuen Jahrtausend, untersuchte mit den Mitteln der Kunst gesellschaftspolitische Fragen der Globalisierung, der Migration und des Urbanismus. Dazu arbeitete der künstlerischer Leiter, der aus Nigeria stammende und in New York lebende Okwui Enwezor, mit einem 6-köpfigen Kuratorenteam zusammen. Aufgeteilt in fünf Plattformen, die in Wien und Berlin, Neu-Delhi, St. Lucia, Lagos und Kassel abgehalten wurden, fokussierte die Ausstellung das Verhältnis von Wissensproduktion und Kunst, abseits von ihren geografischen Zentren. Der interdisziplinäre und transnationale Ansatz wurde auch in der Auswahl der 116 beteiligten Künstlerinnen und Künstler deutlich – US-Superstars fehlten fast gänzlich, auffällig war die Vielzahl von Gruppenarbeiten, es überwogen Fotos, Film- und Videoinstallationen. Zum anderen wurde mit der Binding-Brauerei ein bislang kulturfremder Ort in ein Zentrum für zeitgenössische Kunst transformiert, wodurch eine großzügige, konzentrierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Kunstwerken ermöglicht wurde. Insgesamt sahen 650.000 zahlende Besucherinnen und Besucher vom 8. Juni bis 14. September 2002 die fünfte Plattform in Kassel. Das Vermittlungsprogramm während der 100 Ausstellungstage beinhaltete ein umfangreiches Programm an Vorträgen, Filmvorführungen, Konzerten oder Performances.

Vom 16. Juni bis 23. September 2007 fand die documenta 12 unter der künstlerischen Leitung von Roger M. Buergel statt. Im Mittelpunkt stand die Frage nach den Möglichkeiten einer Kunstausstellung unter veränderten Bedingungen einer globalisierten Welt: die Vermittlung speziellen Wissens. Ein Zeitschriftenprojekt bereitete der Ausstellung im Vorfeld den Boden. Das weltweit geknüpfte Netzwerk umfasst mehr als 70 Zeitschriften, Magazine und Online-Medien und diskutiert die zentralen Themen der kommenden documenta. Dieses Format ist ein Versuch, den Entstehungsprozess einer Weltkunstausstellung transparent zu machen und näher an die Bevölkerung heranzubringen. Darüber hinaus wurden auch lokale Arbeitsgruppen gebildet, die vor Ort zentrale und aktuelle Themen reflektierten und kritisch hinterfragten. Der documenta 12 Beirat zeigte viel lokales Engagement und letztendlich besuchten doppelt so viele Bürgerinnen und Bürger als bei der letzten documenta die Ausstellung.  Neben 4.390 Fachbesuchern und 15.537 Journalisten aus 52 Ländern besuchten 754.301 Gäste aus aller Welt die Ausstellung. Es wurden Arbeiten von 109 Künstlerinnen und Künstlern aus 43 Ländern ausgestellt.

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